Die Theatermacher

Porträt Ferdinand Fellner (1847–1916)

Porträt Hermann Helmer (1849–1919)

Wien, Volkstheater. Fotografie, um 1908

Die Theaterbauprofis Fellner und Helmer hatten seit den 1880er Jahren fast 50 Theaterbauten auf dem Gebiet der Monarchie errichtet – jetzt planten sie eine neue Heimstatt für das deutsche Volksstück in unmittelbarer Nachbarschaft zum Ring.

Wir waren niemals in erster Linie darauf bedacht, mit den Theatersälen Architekturwerke zu schaffen, sondern wir waren vielmehr bestrebt, den Raum zweckmäßig und gefällig zu entwickeln und in ihm das Publikum, die beste und schönste Dekoration eines jeden Saales, möglichst günstig zu präsentieren; erst dann suchten wir diesen Rahmen architektonisch auszugestalten.

Ferdinand Fellner über seine Auffassung von Theaterarchitektur.

Porträt Ferdinand Fellner (1847–1916)

Porträt Hermann Helmer (1849–1919)

Wien, Volkstheater. Fotografie, um 1908

Die Architekten Ferdinand Fellner (1847–1916) und Hermann Helmer (1849–1919) hatten eine richtiggehende Theaterbauindustrie aufgezogen: Sie waren Experten in puncto Akustik und Feuerschutz. Ihr Büro beschäftigte bis zu 35 Zeichner, die Bauten wurden alle nach einem zugrunde liegenden Typus gestaltet. Auftraggeber der neuen Theaterbauten waren nicht mehr Herrscherhaus und Adel, sondern das Bürgertum, das sich über das Theater repräsentieren wollte, aber auch die öffentliche Hand.

Der „Laube Verein“ (benannt nach dem Theaterdirektor Heinrich Laube) wollte ein „deutsches Volksspielhaus mit sehr billigen Eintrittspreisen“ in Wien gründen und volkstümliche Literatur genauso wie Klassiker und das gehobene Lustspiel in den Spielplan aufnehmen. Kaiser Franz Joseph förderte die Idee eines Volkstheaters, allerdings nicht dessen Finanzierung. Der Schauspieler Alexander Girardi (1850–1918) meinte dazu: „Der Kaiser gab den Platz, der Bürger seinen Schatz.“

Das von Fellner und Helmer geplante „Deutsche Volkstheater“ stellte einen Gegenentwurf zum Burgtheater an der Ringstraße dar, das die beiden vehement kritisierten. Mehr als um Pomp und Prunk ging es ihnen um die Funktionalität der Bauwerke. Die Planung erfolgte im Hinblick auf die BesucherInnen: Eine gute Sicht zur Bühne und eine gute Akustik sollten für alle gewährleistet sein. Ferdinand Fellner betonte das demokratische Element seiner Bauten, er wollte versuchen, „nicht wie bisher in erster Linie die besitzenden Klassen zu berücksichtigen, sondern dass in entschiedener Weise für die großen Massen des Publikums vorzusorgen sei“. Wenige Logenplätze sowie Normalbestuhlung, geliefert von der Möbelfirma Thonet, dienten diesem Zweck. Die Frage des Stils stand am Ende seiner Überlegungen.

Und doch gab es Opfer an die Ästhetik: Die Schneiderwerkstatt war ursprünglich im Halbkeller untergebracht. Die Näherinnen mussten bei wenig Tageslicht arbeiten. Angeblich hat Helmer diesen Missstand folgendermaßen begründet: „Wegen der Scheißschneiderei werd’ ich mir doch nicht die Fassad’ verpatzen.“

Nach kurzer Bauzeit wurde das Volkstheater am 14. September 1889 mit Ludwig Anzengrubers Stück „Der Fleck auf der Ehr’“ eröffnet. Es stand für progressives Theater und bildete einen Anziehungspunkt für das wohlhabende Bürgertum, aber auch für ArbeiterInnen in Hochlohnbereichen.

Julia Teresa Friehs