Das Bildnis des Franz Joseph

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Das Porträt des Monarchen war im Habsburgerreich allgegenwärtig – noch in den entlegensten Ecken der Monarchie hing es in Schulen und Ämtern und versuchte zusammenzuhalten, was tendenziell auseinanderdriftete.

Der Bezirkshauptmann [Trotta] aß am Tisch der Jägeroffiziere im Bahnhofsrestaurant. […] Er saß, außer dem Grafen Chojnicki der einzige Zivilist, am langen, hufeisenförmigen Tisch der bunten Offiziere, dunkel und hager, unter dem Wandbildnis Franz Josephs des Ersten, dem bekannten, allseits verbreiteten Porträt des Allerhöchsten Kriegsherrn im blütenweißen Feldmarschallsrock mit blutroter Schärpe. Just unter des Kaisers weißem Backenbart und fast parallel zu ihm ragten, einen halben Meter tiefer, die schwarzen, leicht angesilberten Flügel des Trottaschen Backenbartes. Die jüngsten Offiziere […] konnten die Ähnlichkeit zwischen Seiner Apostolischen Majestät und deren Diener sehn. Auch der Leutnant Trotta konnte von seinem Platz aus das Angesicht des Kaisers mit dem seines Vaters vergleichen. Und ein paar Sekunden lang schien es dem Leutnant, dass oben an der Wand das Porträt seines gealterten Vaters hänge und unten am Tisch lebendig und ein wenig verjüngt der Kaiser in Zivil sitze. Und fern und fremd wurden ihm sein Kaiser wie sein Vater.

Joseph Roth: Radetzkymarsch, Roman, Köln 1950, 197f.

Der Auftrag zum Anfertigen eines Staatsporträts war eine der ersten Handlungen eines neuen Monarchen. Die Aufgabe dieser Porträts war es, eine physische Anwesenheit des Herrschenden zu erzeugen und sein Bildnis allgegenwärtig zu machen. Repliken des offiziellen Porträts hingen überall dort, wo die Staatsmacht gegenwärtig sein sollte: in ausländischen Residenzen und Schlössern der Adeligen, in Botschaften, Ministerien, Ämtern, im Parlament, in den Rathäusern und in öffentlichen Institutionen wie Museen, Theatern, Kasernen, Schulen, Universitäten …

Der Typus des schematisierten Herrscherporträts entstand am französischen Hof des 18. Jahrhunderts und verbreitete sich in ganz Europa. Das Herrscherbildnis des Absolutismus folgte einem festen Muster, nach dem die Pose des Herrschers und eine Ausstattung mit Säule, Vorhang und Prunktisch sowie den Insignien der Macht vorgegeben waren. Diese Vorgaben beeinflussten auch spätere Herrscherporträts.

Kaiser Franz Joseph wurde ebenfalls auf diese Weise verewigt. Er glaubte an das Gottesgnadentum, an seine Auserwähltheit, und verfolgte einen absolutistischen Herrschaftsanspruch. Entsprechend seiner soldatischen Erziehung sowie seinem Vertrauen auf das Heer als eine der Hauptstützen des Thrones dominieren zahlenmäßig Bildnisse Kaiser Franz Josephs in Uniform. Seine Porträts dienten über 60 Jahre hinweg dem gleichen Zweck: der Versicherung der Allgegenwärtigkeit und Beständigkeit des Monarchen als Garant für den ewigen Fortbestand der Monarchie. Nur sein Aussehen änderte sich, dem Alter gemäß – der Bart wurde weiß, das Haar wich zurück. Anders als beim Thronbildnis von Kaiser Franz II./I. von Franz Amerling wurde jedoch der physische Verfall des Monarchen wenig thematisiert. Die Alterung erschien als Mittel zur Glorifizierung des Herrschers, welcher das brüchig gewordene Reich zusammenhalten sollte.

Ein spezielles Element in der Ikonografie des Kaisers Franz Joseph ist die Darstellung seiner Person in der Natur: vor majestätischer Bergkulisse, am See, im Wald und immer wieder als Jäger. Die Jagdtracht wurde so salonfähig gemacht und der Herrscher als volksnaher Mensch gezeichnet.

Nicht zuletzt setzten die Herrschenden mit ihren Staatsporträts auch Modetrends – Franz Josephs Backenbart fand sich in vielen Beamten-Gesichtern wieder und Kaiserin Elisabeth galt schon zu Lebzeiten als Modeikone.

Julia Teresa Friehs