Wer bin ich?

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Jupiter, Saturn oder doch lieber die heilige Familie? Die Ahnengalerie der Habsburger reichte – je nach politischer Bedürfnislage – von Karl dem Großen und den Merowingern über Isis und Osiris sowie Herkules bis zu Noah und Adam.

Der Kaiser erscheint als “Jupiter auf dem Adler sitzend, auf der Erden, [in] der Rechten einen Olivenzweig, in der Linken sein fulmen haltend und mit Lorbeer gekrönet, so mein Contrafät seyn könnte. Aus dem Himmel die zwey verstorbenen Käyserinnen als Juno und Ceres, die eine Reichtümer und die andere Fruchtbarkeit ihm offerirend. Die Königin aus Spanien als Minerva, die Streitrüstung und Kunst praesentirend. Bellona, die jetzt regirende Römische Kayserin, die Militarische Instrumenta ihm unter die Füße werfend. Erzherzog Leopold Wilhelm in forma Martis, auch die Instrumenta bellica untergebend. Der römische König in forma Apollinis, mit den musikalischen Instrumenten. Mein kleiner Sohn forma Amoris, doch bekleidter, den Köcher und Bogen anpraesentirend.

Den Auftrag für das hier beschriebene Familienporträt, das nur mehr in einem Stich von Franciscus van den Steen erhalten ist, bekam der Maler Joachim von Sandrart 1653. Das Konzept für das Gemälde, in dem die kaiserliche an die Stelle der olympischen Familie gesetzt wird, stammte von Kaiser Ferdinand III. persönlich.

Kaiser Maximilian I. verfolgte das dynastische Programm, alle Herrscher des Abendlandes in seinem Stammbaum zu vereinigen. Er wollte auch Heilige unter seinen Ahnen nachweisen und so die göttliche Auserwähltheit des Hauses Habsburg dokumentieren. Dazu gab er weitreichende genealogische Forschungen in Auftrag, welche ihm in möglichst vielen Ländern Herrschaftsansprüche sichern sollten, falls dort ein Geschlecht ausstarb. Auch die Kunst stellte er in den Dienst seines Ahnenprogramms.

Maximilians Hofmaler Bernhard Strigel schuf ein frühes und seltenes Beispiel eines Herrscher-Familienbildnisses, auf dem auch bereits verstorbene Familienmitglieder abgebildet sind – eine Konstellation von Personen also, die so nie zusammengetroffen sind. Inschriften legen eine Abkunft der kaiserlichen Familie von der Heiligen Sippe nahe. Bis zur maria-theresianischen Epoche waren im habsburgischen Herrschaftsraum Darstellungen der Herrscher meist auf Einzelporträts oder solche des Ehepaares beschränkt, Familienbilder bildeten die Ausnahme.

Beliebt waren Gemälde, welche die Habsburger als Heilige oder biblische Figuren darstellen. So ließen sich Friedrich III., Maximilian I. und Karl V. jeweils als einer der Heiligen Drei Könige abbilden, Joseph II. als David und Karl I. wurde – nachdem er abgedankt hatte – sogar als Christus gezeigt. Auch bei den Frauen waren biblische Motive begehrt – Maria Theresia etwa ist mit ihrem Sohn Joseph II. als Madonna mit Kind zu sehen.

Je nach politischen Interessen wurden unterschiedliche Ahnen hervorgehoben. Um 1300 wurden die Trojaner als Vorgänger eruiert – auch das griff Maximilian I. auf und führte die Dynastie bis zu Jupiter und Saturn zurück. Dieser Ahnenstamm erlebte im Barock eine neue Blüte und wurde gerne für höfische Inszenierungen herangezogen.

Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts erschien es opportun, die Verwandtschaft mit dem lothringischen Haus hervorzukehren, des für die dynastische Politik im 18. Jahrhundert eine wesentliche Rolle spielen sollte. In dieser Interpretation wurden durch die Heirat Maria Theresias und Franz I. Stephans von Lothringen zwei Linien einer Dynastie zusammengeführt und damit ein neues Geschlecht begründet – und so das Aussterben der Habsburger im Mannesstamm mit dem Tod Karls VI. kompensiert.

Julia Teresa Friehs