Die liebe Familie

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Gottesgnadentum und vererbte Rechte galten im Zuge der Aufklärung immer weniger – ein neues Mittel zur Legitimierung der Herrschaft musste gefunden werden. Die Ahnengalerie wich daher der Familiengalerie.

Ich bin es gewiß, niemand unter Ihnen überlässt sich dem unwürdigen Wahne, als wäre das Wesentliche des Adels nur in einem genau gehaltenen Stammregister zu suchen […]. Alle Menschen zählen, von ihrem Ursprunge an, eine gleichgrosse Anzahl Ahnen, da sie alle von einen und denselben Vater abstammen. Hat nun der grössere Haufen die Reihe seiner Abstammung aufzuzeichnen verabsäumet, oder hat ein Zufall seine Mühe unterbrochen und vereitelt; so lassen Sie im Gedanken eines von denen möglichen, unzählbaren Ungefähren entstehen, durch welche auch die Beweise ihrer Ankunft vernichtet werden können! […] Nun sind Sie mit dem übrigen menschlichen Geschlechte, das Sie aus Mangel solcher hinfälligen Dinge Pöbel nennen, gleich gemacht – Sehen Sie, auf welche Kleinigkeit der Vorzug, auf den Sie dennoch sich soviel wissen, hinausläuft […]. Daher sah man, wie sie [der Adel] zu einem ungemässigten Aufwande des Vermögens, so sie hatten, und nicht hatten, ihre Zuflucht nahmen […]. Sie suchten Beyhülfe ihrer Größe im Schimmer der Kleider, im Haufen des Gefolges und der Bedienung, […] in der Pracht der Paläste, in der Zahl der Zimmer, […] und, in dem schimpflichen Vorrechte, das Leben zwischen der Tafel, dem Schlafe und den Ergötzlichkeiten zu theilen. […] es ward Adel, unbehülflich zu seyn und ohne Beystand des Gesindes sich anzukleiden, nicht zu vermögen; es ward Adel, von der Schwelle seines Hauses zu dem angränzenden Hause gefahren zu werden, aber von seinem Schlafgemache in den Speissaal eine Tagreise zu verrichten zu haben; es ward Adel, vor der gewöhnlichen Nahrung zu ekeln, und nur für leckere Dinge einen Gaum zu behalten; es ward Adel, ein Müssiggänger zu seyn, der sich leidend verhält, und gleichsam für die Mastung geschaffen ist.

Joseph von Sonnenfels in seiner Rede „Das Bild des Adels“, gehalten „zum Anfange des Studiums in der K.K. savoy. Akademie“, Wien 1767.

Die Betonung der Kontinuität ihrer Herrschaft war den Habsburgern ein wesentliches Anliegen. Genealogie (Familiengeschichtsforschung) wurde auch in der Kunstproduktion als Mittel zur Festigung von Machtansprüchen eingesetzt. Ahnensäle, Stammbäume, Feste zu Hochzeiten, Geburten, Taufen, Krönungen und Todesfällen – sie alle sollten auf den ,Ursprung‘ der herrschaftlichen Legitimation und der damit verbundenen ,Rechte‘ verweisen. Dieses Konstrukt der Ableitung von Herrschaftsansprüchen aus (fiktiven) Stammbäumen geriet in der Aufklärung ins Wanken, da es gegen den Gleichheitsgrundsatz verstieß. Die Bildpropaganda wurde neu ausgerichtet: Nicht mehr ererbte Rechte oder göttliche Auserwähltheit kamen ins Blickfeld, sondern die Fähigkeiten und Tugenden, insbesondere die vorbildliche Pflichterfüllung der Herrschenden, welche sie gegenüber den Untertanen auszeichneten.

Die Kritik an adeligen Privilegien, die aus der Genealogie abgeleitet wurden, brach nicht ab. Besonders heftig äußerte sich der Aufklärer und Berater Maria Theresias, Joseph von Sonnenfels, in seiner Rede „Das Bild des Adels“ vor adeligen Zöglingen der savoyischen Akademie 1767.

Unter Maria Theresia wandelte sich die Funktion des Herrschaftsporträts grundlegend. Fruchtbarkeitsdarstellungen betonten die Beständigkeit und das Fortbestehen der Dynastie, welches durch das Aussterben der männlichen Linie der Habsburger mit ihrem Vater Kaiser Karl VI. gefährdet schien. Wie die Kammerzahlamtsbücher belegen, stiegen ab 1750 die Aufträge für Familienporträts sprunghaft an. Die Ahnengalerie wich Darstellungen der Kernfamilie.

Die großen Familienbildnisse, welche unter Maria Theresia entstanden, spiegeln eine Abwendung vom Höfisch-Repräsentativen wider. Doch auch diese Porträts erfüllten eine politische Funktion: Nun wurde die Repräsentation des Familiären zum Programm. Durch das Herzeigen sollten die Familienbande, der Bestand der Familie gefestigt werden.

Maria Theresia verwendete diese Bilder auch, um über die Entwicklung ihrer Kinder auf dem Laufenden zu bleiben, nachdem diese geheiratet und Wien verlassen hatten. So gab sie kleinformatige Bildnisse der Familien an den jeweiligen Höfen in Auftrag. Solche Familienporträts beeinflussten spätere Darstellungen der bürgerlichen Familie.

Julia Teresa Friehs