Vom Luftschloss zum Lustschloss – Schönbrunn und Fischer von Erlach

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Ein junger, eben erst aus Rom zurückgekehrter Architekt übersetzt das bisher nur theoretische Gedankengebäude habsburgischer Allmacht in eine Architektursprache von atemberaubender Monumentalität: Fischers spektakulärer Entwurf für Schönbrunn ist eine Schauarchitektur voller antiker Symbolik, ein utopisches Manifest unbeschränkter kaiserlicher Macht.

Dieses berühmte „Erste Projekt“ Johann Bernhard Fischers aus dem Jahre 1688 ist jedoch eher ein kulturpolitisches Statement als ein konkretes Bauprojekt: Hier entstand – allerdings nur auf dem Papier – die habsburgische Antwort auf Versailles, das sich gerade unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. zum Idealtypus einer königlichen Residenz entwickelt hatte. Eine Art ‚Mega-Versailles‘ wurde entworfen, das den universellen Machtanspruch der habsburgischen Dynastie manifestieren sollte, dessen Realisierung jedoch niemals ernsthaft erwogen wurde.

Den Höhepunkt der Anlage bildete der breit gelagerte Baukörper des Schlosses auf der Anhöhe, wo sich heute die Gloriette erhebt. Von hier aus sollte ein majestätischer Ausblick „bis an die gränzen Hungariens“ gewährleistet sein, wie Fischer in der Erläuterung seines Entwurfs schrieb. Darunter erstreckte sich eine weitläufige, architektonisch gestaltete Landschaft aus Treppen, Rampen und Kaskaden, die auf den ersten Blick durch Monumentalität besticht. Dieser Eindruck wird durch eine Vielzahl von Staffagefiguren verstärkt, welche die gigantomanische Anlage erst mit Leben erfüllen.

Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch einige Ungereimtheiten auf. Bezeichnenderweise gibt es keine Detailpläne für die reale Umsetzung des Vorhabens: So bewiesen Rekonstruktionsversuche, dass das Schloss vom Fuße des Berges aus gar nicht zu sehen gewesen wäre.

Tatsächlich realisiert werden sollte ein kaiserliches Jagd- und Lustschloss, für das Fischer in mehreren Planungsphasen ein zweites Projekt in realistischeren Dimensionen entwarf: Das Schloss wurde vom Berg in die Ebene und gleichermaßen auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt. Außerdem sollten aus Kostengründen die Reste des Vorgängerbaues soweit wie möglich integriert werden: der Mittelteil wurde daher auf die Fundamente des Gonzagabaues gestellt.

Über dem Mitteltrakt erhob sich ein Dachaufsatz in Form eines Triumphbogens, für dessen Mitte eine niemals ausgeführte Reiterstatue geplant war, die den römisch-deutschen König Joseph I. als Nachfolger seines Vaters Leopold I. auf dem Kaiserthron als „Sol Novus“, als „Neue Sonne“ zeigen sollte – ein habsburgischer ‚Sonnenkaiser‘ als Gegenkonzept zum Sonnenkönig Ludwig XIV.

Die Errichtung der Schlossanlage ging zunächst zügig voran, im Jahre 1700 war bereits der  Mitteltrakt benutzbar. Auf Grund der Finanzkrise im Gefolge des Spanischen Erbfolgekrieges kam der Baufortschritt ins Stocken, um nach dem plötzlichen Tod Josephs I. vollends zum Erliegen zu kommen. Das ‚Projekt Schönbrunn‘ blieb fürs Erste unvollendet.

Martin Mutschlechner