Der Reiz des Fremden – Habsburg und die China-Mode

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Nach dem Aussterben der spanischen Linie des Hauses war es nicht mehr zu verbergen: Die österreichischen Habsburger herrschten im Wesentlichen über ein Binnenland, Österreich wurde trotz mehrerer Versuche keine Kolonialmacht. Trotzdem war man auch am Wiener Hof dem Reiz des Fremden erlegen und umgab sich mit exotischen Luxusprodukten.

Nach der Zeit der Entdeckungen und ersten Handelskontakte im 16. und 17. Jahrhundert übernahmen nun England und Frankreich die Führung als ‚global players‘. Im 18. Jahrhundert erlebte die Welt eine Globalisierungswelle – unter dem Vorzeichen des Kolonialismus begann die ökonomische und politische Vernetzung der Kontinente.

Wien war weit davon entfernt, im Konzert der großen Seemächte mitzuspielen. Jedoch hatte die Begeisterung für exotische Materialien und Genussmittel auch Mitteleuropa erfasst. Zucker (aus Zuckerrohr gewonnen, denn Rübenzucker war noch unbekannt), Tabak, Tee und Kakao galten als teure Luxusgüter, mit denen hierzulande zunächst nur der Adel Bekanntschaft machte. Auch am Wiener Hof war man dieser Mode verfallen. So galt Franz Stephan von Lothringen als begeisterter Anhänger der „Chocolade“, worunter man damals die Vorläuferin der heutigen Trinkschokolade verstand. Wer mit der Mode ging, genoss seine Schokolade natürlich stilgerecht in einer Porzellanschale. Ostasiatisches Porzellan galt gemeinsam mit Lackmöbeln und Seidentapeten als das Symbol für Luxus schlechthin. Gerade unter Maria Theresia fanden diese exotischen Dekorationsobjekte auch Eingang am Wiener Hof, wobei diese Modeerscheinungen hierzulande zusammenfassend und nicht näher auf die tatsächliche Provenienz eingehend als „Indianisch“ bezeichnet wurden.

In Schloss Schönbrunn haben sich einige exemplarische Schöpfungen wie das Millionenzimmer oder die sich spiegelbildlich gegenüberstehenden Chinesischen Kabinette erhalten. Man erkennt hier einen typischen Zug der Auseinandersetzung Europas mit den exotischen Objekten. Das Fremde wurde als Konsumgut verstanden, es entstand eine regelrechte Industrie, wo entweder bereits in Asien, aber auch in europäischen Werkstätten die Versatzstücke dem europäischen Geschmack angepasst, bedenkenlos zerschnitten oder zerlegt und mit europäischen Imitaten kombiniert wurden.

Wie außereuropäische Zivilisationen mit habsburgischen Augen gesehen wurden, zeigt die Serie von über 200 Tuschezeichnungen, die nach Vorlagen des französischen Malers François Boucher von Mitgliedern der kaiserlichen Familie angefertigt wurden und im sogenannten „Porzellanzimmer“, dem privaten Kabinett Maria Theresias, in die Wandvertäfelung eingelassen sind. In diesen pseudochinesischen Genreszenen blickt man in ein Land voller phantastischer Gestalten und exotischer Szenerien, in ein Feenreich vom anderen Ende der Welt…

Martin Mutschlechner