Elisabeth und das Korsett des höfischen Lebens

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"Ich hab den Kaiser so lieb! Wenn er nur kein Kaiser wäre!" soll Elisabeth ausgerufen haben, als sie von Franz Josephs Absicht erfuhr, sie zu heiraten. Sie ahnte offensichtlich, dass ein Leben als Kaiserin am Wiener Hofe nicht ihrer Mentalität entsprach.

Elisabeth war 16 Jahre alt, als sie nach Wien kam und sich fortan nach dem strengen Reglements des Lebens am Wiener Hofe zu richten hatte. Die starke Persönlichkeit ihrer Schwiegermutter Sophie, die versuchte, Elisabeth zu einer Kaiserin nach ihren Vorstellungen zu erziehen, sowie die Ablehnung und Verleumdung durch die höfische Gesellschaft taten ihr Übriges, Elisabeth das Leben bei Hofe schwer zu machen. Ihr Gatte Franz Joseph war durch seine Erziehung von Kindheit an auf seine zukünftige Rolle als Kaiser vorbereitet worden und stand den Bedürfnissen und Ängsten seiner Gemahlin oft verständnislos gegenüber.

Elisabeth begann in zunehmendem Maße die ihr zugewiesene Rolle am Wiener Hof zu verweigern. Ihr introvertierter Charakter und ihre Scheu gegenüber der Öffentlichkeit machen ihre Abneigung gegen repräsentative Auftritte und gesellschaftliche Konventionen nachvollziehbar. In der Residenzstadt stand Elisabeth schließlich ständig im Mittelpunkt. Strenge Tagesabläufe, die Hierarchien bei Hof, fortwährende Intrigen und öffentliche Verpflichtungen empfand Elisabeth als unangenehme Einschränkungen ihrer Lebensweise. Nach der Geburt des dritten Kindes stellte ihr Leibarzt eine Lungenkrankheit fest und empfahl schließlich einen Kuraufenthalt. Sie wählte dafür Madeira, die von allen Destinationen am weitesten von Wien entfernte, sodass kein Besuch der ‚lieben Familie‘ zu erwarten war. Mit dieser ersten Flucht vom Wiener Hof entdeckte Elisabeth das Reisen für sich – Züge, Schiffe und Kutschen waren fortan ihr eigentliches Zuhause. Die Reisen, für die durchaus auch gesundheitliche Gründe Ausschlag gebend waren, wurden immer länger, die Aufenthalte in der Wiener Hofburg immer kürzer.

In der Ausstattung von Elisabeths Appartement in der Wiener Hofburg lässt sich der Versuch der Kaiserin erkennen, ihre persönlichen Bedürfnisse entgegen aller Vorgaben auszuleben: Inmitten der einheitlichen Möblierung im Stil des Neorokoko, dem verbindlichen Ausstattungsstil habsburgischer Appartements unter Franz Joseph, stechen die Turngeräte, die Elisabeth in ihrem Toilettezimmer aufstellen ließ, umso stärker heraus. Hier konnte sie täglich trainieren um ihrem Bewegungsdrang zu stillen, was großes Unverständnis in Elisabeths Umgebung hervorrief, da sportliche Betätigung damals für eine Frau – speziell ihres Ranges – höchst ungewöhnlich war.

Sonja Schmöckel