Säfte- und Nervenhaushalt aus dem Gleichgewicht gebracht: Beginnende Anti-Onanie-Kampagnen

Jan van der Straet: Syphilis und ihre Behandlung, Stich, 16. Jhd.

Eine dauerhafte Schwäche am linken Bein könnte von der Anstrengung jahrelang geübter Onanie herrühren. So lautete die Diagnose des Arztes Gottfried Baldinger 1779.

Jan van der Straet: Syphilis und ihre Behandlung, Stich, 16. Jhd.

 

Schon im 17. und frühen 18. Jahrhundert wurden dem übermäßigen Samenerguss physische und seelische Folgeschäden attestiert. Das „Zwei-Samen-Modell“ schloss direkt an die „Vier-Säfte-Lehre“ an, wonach in den Körpersäften von Mann und Frau Samen enthalten wären, die es regelmäßig auszuschütten galt. Die Nerventheorie hingegen ging davon aus, dass Samen im Rückenmark oder Gehirn erzeugt und über Nervenbahnen abgesondert würden. Beide Theorien warnten davor, dass sowohl sexuelle Abstinenz als auch häufige Erregung und Selbstbefriedigung zur Unausgewogenheit des allgemeinen Säfte- bzw. Nervenhaushaltes führen würden. Daher galt jeder nicht dem ‚natürlichen‘ Verwendungszweck zugeführte Samen als verschwendet. Abgesehen von den vermuteten physischen Folgeschäden, zu denen sogar Starre, Pocken, Rückenmarkschwund und Verkrüppelung der Genitalien gehörten, wurde auch eine Störung des seelischen Gleichgewichtes angenommen.

Theologen sahen die Onanie auch als Ausdruck von „Unreinheit“, da die Sexualität ausschließlich der gottgewollten Kinderzeugung dienen sollte. Anti-Onanie-Schriften propagierten rechtzeitige Vorbeugung schon in frühen Kindesjahren.

Erste diesbezügliche Kampagnen gab es bereits 1710 in London. Sie sollten im Laufe des 18. Jahrhunderts ganz Europa erfassen.

Die zunehmende Sicht der Onanie als Krankheit wurde mit einem eigenen Menschentyp verbunden – dem Onanisten. Mit ihm wurde ein Subjekt kreiert, das hauptsächlich über sein Geschlechtsleben definiert war, seine körperlich-seelische Existenz wurde im Kontext seiner „Krankheit“ thematisiert.

Anita Winkler