Totengräber gesucht!

Schnabeldoktor aus Rom, um 1650

Bestattung von Pestleichen vor Wien, 1687

Der liebe Augustin

1679 brach in Wien eine Pestepidemie aus. Die Reichen flohen, aber der Großteil der Bevölkerung war den pestfaulenden Gerüchen, der Ansteckungsgefahr und Unmengen von Toten ausgesetzt.

Nachdem die Erfahrung mit sich bringt, dass Sauberkeit ein sonderbar nützlich und notwendiges Mittel ist, sowohl die Einreissung der Infektion zu verhüten, als auch dieselbe abzuwenden: Herentwegen (=Deshalb) die Unsauberkeit solches Übel verursacht und erhaltet. So ist Unserer ernstlicher Befehl, dass Erstens kein Blut, Eingeweide, Köpfe und Beiner von dem abgetöteten Vieh, noch auch Kraut-Blätter, Krebs, Schnecken, Eyerschallen oder anderen Unflat (=Abfall, Mist) auf denen Gassen und Plätzen ausgegossen: Ingleichen keine todte Hund, Katzen oder Geflügel auf die Gassen geworfen, sondern ein und anders vor die Stadt hinausgetragen werden.

Schnabeldoktor aus Rom, um 1650

Bestattung von Pestleichen vor Wien, 1687

Der liebe Augustin

Zwischen 1500 und 1700 forderten etliche Pestwellen das Leben großer Teile der Bevölkerung. 1679 erreichte der „Schwarze Tod“ auch Wien. Man glaubte, dass die Seuche von magischen und unheilvollen Kräften verursacht worden sei. Zwar gab es um 1500 Verhaltensmaßregeln gegen die Pest, doch stießen diese bis ins 17. Jahrhundert auf Unverständnis. Der aus Padua stammende und nach Wien berufene Arzt Paul de Sorbait machte ebenfalls Vorschläge zur Eindämmung der Pest, die jedoch von den Obrigkeiten aus finanziellen Gründen abgelehnt wurden. Missmutig äußerte er sich über die unwirksamen Methoden: „Am Anfang der Pest haben die Leut so viele Angelikawurzel gefressen, dass man mit grossem Geld keine hat mehr bekommen können.“ Mit einer speziellen Schutzkleidung, welche vor Ansteckung bewahren sollte, begaben sich die Ärzte auf die Suche nach den zahlreichen infizierten Personen. Sie trugen einen gewachsten Mantel, eine Schutzbrille, Handschuhe und eine das Gesicht umschließende Schnabelmaske, in der sich Duftstoffe befanden, welche die Fäulnisdünste mildern sollte. Um Körperkontakt zu vermeiden, gaben sie den Pestkranken mit einer Rute Anweisungen. Wegen dieses Aussehens wurden die Pestärzte auch Schnabeldoktoren genannt.

Wer es sich leisten konnte, versuchte vor dem „Schwarzen Tod“ zu flüchten, so auch Kaiser Leopold I. samt seiner Familie. Er begab sich zuerst auf eine Wallfahrt nach Mariazell und reiste dann weiter nach Prag. Als auch dort die Pest ausbrach, zog er sich nach Linz zurück. Man schaffte es kaum, der vielen Toten Herr zu werden; Totengräber, Henkersknechte und Abdecker sollten die Leichen vor den Städten einscharren. Sogar Gefangene wurden aus den Kerkern geholt und zum Ausheben von Massengräbern und Einsammeln der Toten gezwungen.

Aus humoristischer Perspektive erinnert das Volkslied „Der liebe Augustin“ an die Pest und ebenso an die zeitgenössisch diskutierte Trunksucht: Die Überlieferung besagt, dass der Bänkelsänger und Dudelsackspieler Augustin betrunken auf der Straße eingeschlafen war. Aus Versehen sammelten ihn die Totengräber ein und warfen ihn in eine Pestgrube. Dieses Erlebnis soll er dann per Gesang weitergetragen und verbreitet haben.

Anita Winkler