Lasst die Spekulationen beginnen... Die Gründung der Wiener Börse

Neubau der Wiener Börse am Schottenring, erbaut in den Jahren 1874-1877

Lasst die Spekulationen beginnen, könnte sich Maria Theresia gedacht haben, als sie im August 1771 das Gründungspatent der Wiener Börse erließ. Damit war auch die Berufsgruppe der Börsemakler geschaffen.

Die Börse solle alle Tag, ausgenommen an den Sonn- und gebotenen Feyertagen, Morgens von 11 bis 1 Uhr, Nachmittags aber von Michaeli bis Georgi von 3 bis 4 Uhr, dann von Georgi bis Michaeli von 4 bis 5 Uhr offen stehen.

Auszug aus dem Gründungspatent von 1771

Neubau der Wiener Börse am Schottenring, erbaut in den Jahren 1874-1877

Die Börse sollte einerseits dem durch Kriege stets finanzschwachen Staat Geld durch Staatsanleihen verschaffen. Andererseits sollte durch sie der ungeregelte Handel mit Staatsanleihen und Papiergeld, das seit 1762 ausgegeben wurde, eingedämmt werden. Die Befürchtung war, dass unbefugte Makler die Anleihen und Papiere weit unter ihrem Preis ankauften und damit die Staatseinkünfte aus Anleihen schmälerten. Die Kaufwilligen sollten ihr Papiere auch nicht mehr beim zuständigen Fonds, zum Beispiel der Wiener Stadtbank, einlösen, sondern an der Börse den höchstmöglichen Preis erlangen können. Geleitet wurde die Wiener Börse von einem Börsekommissar, dem eine Militärwache zur Verfügung stand – falls es zu Unruhen kommen sollte. Das Börsegeschäft selbst wurde von vier Börsemaklern abgewickelt – diese durften laut Bestimmungen keinesfalls bankrotte Kaufleute oder jünger als 25 Jahre sein.

Zutritt zur Börse hatte freilich nur eine vergleichsweise kleine Gruppe, wenn auch alle Stände zugelassen waren: Draußen bleiben mussten jedenfalls „Schwachsinnige“, Bankrotteure sowie Straffällige – und Frauen.

IIm Gegensatz zu anderen europäischen Börsen durfte an der Wiener Börse nicht mit Waren gehandelt werden. Erste Aktien (Bankaktien) wurden erst 1816 und dann wieder 1842 (Kaiser-Ferdinand-Nordbahn-Aktien) ausgegeben. Besonders für die Industriegründungen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts spielte die Börse eine wesentliche Rolle bei der Kapitalbeschaffung. In einer Art Filialsystem wurden deshalb die habsburgischen Länder mit Börsen überzogen, die sich alle nach dem Wiener Kurs richteten.

Christina Linsboth