1797–1826

Ein portugiesischer Märchenprinz?

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Leopoldine hatte sich einen Märchenprinzen erträumt und fand einen Ehemann mit dem sie sich kaum verständigen konnte.

Das „Vademecum“ - eine Art selbstauferlegtes Verhaltensanweisung - Leopoldinas:

Ich werde versuchen, immer eine bestimmte Stunde zu haben, in der ich aufstehe und in der ich mich zu Bett lege, um ein Übermaß an Sinnlichkeit während der Ruhe zu vermeiden.

An den Feier- u. Sonntagen werde ich einige kleine Kasteiungen vornehmen, wie die, mir irgendeinen Gang bei der Mahlzeit zu versagen oder während einiger Zeit Schweigen zu bewahren oder mir ein Vergnügen zu entziehen; dies alles aber tun ohne dass irgend jemand etwas davon merkt.

Den letzten Tag des Jahres werde ich mit einer allgemeinen Überprüfung meines Verhaltens beschließen.

Allgemeines Verhalten:

Fern von mir bleibe das Aufsehen erregende Kleid.

Keine unnützen Ausgaben, die den Haushalt stören, werde ich haben, sondern Almosen geben, soviel als möglich, und alles

meiden, was nichtig ist, um den Unglücklichen zu helfen.

Meine überflüssigen Einnahmen werde ich vorzugsweise dazu benutzen, um Institute zu unterhalten, die sich der Erziehung der Jugend widmen oder den Kranken beistehen.

Mein Herz bleibe ewiglich dem verderblichen Geist der Welt verschlossen; fern von mir bleibe auch der schädliche Luxus, der unziemliche Putz, Zweideutigkeiten und skandalöse Kleider.

Streben nach Tugendhaftigkeit:

Meine unentbehrliche Tugend sei stets die Bescheidenheit, um die Reinheit meines Herzens zu bewahren.

Nie werde ich es aufgeben meine Schwächen zu bekämpfen, angefangen von der wichtigsten:

Die Lüge werde ich stets als ein Teufelswerk und als die Pest der Gesellschaft ansehen.

Fern von mir bleibe jede hochmütige und anmaßende Miene, aber ich werde vornehmlich ernst u. bescheiden, ehrenhaft mild, liebenswürdig und höflich gegenüber den Großen und Kleinen sein,

bei den Unterhaltungen werde ich mit Bedacht das Wort ergreifen,

nie will ich viel zu meinem eigenen Vorteil sprechen.

Verhalten nach der Vermählung:

Von dem 13. May, meinem Vermählungstage an, nehme ich mir vor:

1. Meine Heftigkeit zu bändigen, mit meinen Leuten gut zu seyn, um mich zu gewöhnen an Sanftmuth u. Nachgiebigkeit,

2. Will ich jeden unkeuschen Gedanken meiden, da ich schon von diesem Tage an meinem Gemahl angehöre,

3. Will ich mich befleissigen, mit Eifer an meiner Ausbildung zu arbeiten,

4. Will ich nun alle Mühe anwenden, immer die reine Wahrhaftigkeit zu sprechen.

Der Originaltext ist in französisch geschrieben. Das Original befindet sich im Privatarchiv der kaiserlichen Familie in Petrópolis.

Am 13. Mai 1817 wurde Leopoldine zunächst in Wien „per procuram“ mit Dom Pedro vermählt. Bei dieser „Stellvertreter-Hochzeit“ wurde der Bräutigam von Leopoldinas Onkel Erzherzog Karl vertreten.

Am 13. August 1817 fand in Livorno die feierliche Einschiffung statt, und nach einer abenteuerlichen Seereise von 81 Tagen traf Leopoldine am 5. November in Rio de Janeiro ein, wo sie nun endlich ihren Gemahl kennenlernte.

Für Leopoldine erschien Pedro aus der Ferne zunächst als ein perfekter, gebildeter Kavalier, doch die Realität über Pedro war eine ganz andere. Dom Pedro war ein Jahr jünger als Leopoldina und entsprach leider nur wenig den Schilderungen der Brautwerber: Sein Temperament war impulsiv und cholerisch. Er verfügte nur über eine bescheidene Bildung. Selbst die sprachliche Verständigung zwischen den Eheleuten war schwierig, da Pedro nur wenig Französisch sprach und dafür sein Portugiesisch als geradezu vulgär beschrieben wurde.

Pedro Bragança hatte mit seinen achtzehn Jahren, ganz der portugiesischen Tradition entsprechend, nicht nur zahlreiche Liebesabenteuer hinter sich und interessierte sich vorwiegen für Pferderennen und Liebschaften, sondern lebte im Jahr 1817 (dem Jahr der Verheiratung mit Leopoldine) im eheähnlichen Verhältnis mit der französischen Tänzerin Naoemi Thierry, die allerdings einen Monat nach der Ankunft von Leopoldina in Rio de Janeiro von seinem Vater vom Hof entfernt wurde.

Leopoldina und Pedro, die jungen Eheleute, nahmen Wohnung in der Quinta Boa Vista in São Cristóvão in sechs relativ kleinen Zimmern. Innenhof und Wege zu den Stallungen waren ungepflastert, und bei den tropischen Regenfällen versank alles im Schlamm. Überall, auch in der Bekleidung nisteten Insekten, denn die Uniformen und Galakleider aus Samt und Plüsch moderten und schimmelten in der Hitze und Luftfeuchtigkeit.

Gloria Kaiser