1640–1705

Der „Türkenpoldl“ und das österreichische „Heldenzeitalter“

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Leopold war an der Schlacht vor den Toren Wiens 1683 persönlich nicht aktiv beteiligt. Seine Herrschaft profitierte jedoch von der nun folgenden Offensive gegen das durch die Niederlage vor Wien stark geschwächte Osmanische Reich.

Die habsburgische Armee war beflügelt von der raschen Eroberung des türkisch kontrollierten Teils von Ungarn. 1686 konnte Buda, die alte Königsstadt, eingenommen werden, 1688 stand die Armee vor Belgrad. Der herausragendste Feldherr in kaiserlichen Diensten war Prinz Eugen von Savoyen (1664–1736), der zur bestimmenden Persönlichkeit am Wiener Hof werden sollte und europaweit als genialer Stratege gefeiert wurde.

Der Sieg in der Schlacht bei Zenta 1697 und der für Österreich sehr vorteilhafte Friedenschluss von Karlowitz 1699 bannten die Türkengefahr ein für allemal. Der Expansionsdrang des Osmanischen Reiches war gestoppt. Leopold konnte sich zusätzlich zu Ungarn auch die Herrschaft über Slawonien und Siebenbürgen sichern. Die Habsburgermonarchie hatte ihr Territorium gegen Südosten enorm erweitert. Die Herrschaft der Dynastie in Ungarn war gefestigt und die Erblichkeit der Krone Ungarns im Haus Habsburg nun von den ungarischen Ständen bestätigt.

Es folgten Jahrzehnte des Wiederaufbaus in dem von den seit Generationen andauernden Türkenkriegen verwüsteten und entvölkerten Land. Durch das sogenannte „Einrichtungswerk“ wurde ab 1689 die planmäßige Rekolonisation Mittel- und Südungarns organisiert. Siedler aus allen Teilen Mitteleuropas wurden angeworben, ein ethnisch buntes Gemisch von Magyaren, Deutschen, Südslawen, Rumänen und Slowaken bevölkerte nun die neuerworbenen Gebiete im Südosten.

Leopolds Ruhm als Herrscher profitierte enorm von den Erfolgen in der Abwehr der Türkengefahr, die von vielen als Daseinsberechtigung der Habsburgermonarchie gesehen wurde. Die Expansion der Monarchie dank der militärischen Erfolge gegen die Osmanen, die als bestimmendes Ereignis seiner Regentschaft galten, wurde in der patriotischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts pathetisch als Heldenzeitalter gefeiert. Bis heute wird der persönlich gänzlich unkriegerische Habsburger volkstümlich auch als „Türkenpoldl“ bezeichnet. 

Martin Mutschlechner