1640–1705

Leopold I.: Probleme mit Ungarn und Türken

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Das brennendste Problem der ersten Jahrzehnte der Regentschaft Leopolds war der zunehmende osmanische Eroberungsdrang. Verschärft wurde die Situation durch die Lage in Ungarn, wo der lokale Adel in Opposition zur Wiener Zentralregierung stand. Erst durch die Niederlage der Osmanen vor den Toren Wiens 1683 änderte sich die Situation zugunsten Leopolds.

Nach einigen Jahrzehnten der trügerischen Ruhe rüstete sich das türkische Heer in den 1660er Jahren wieder zum Angriff. Die Offensive konnte jedoch 1664 in der Schlacht bei Mogersdorf durch die Truppen Leopolds erfolgreich abgewehrt werden. Es war dies ein fulminanter Sieg; die geopolitischen Möglichkeiten, die sich aus diesem militärischen Erfolg ergaben, wurden aber – sehr zum Leidwesen des ungarischen Adels – nicht weiter verfolgt. Der für die Osmanen vorteilhafte Frieden von Vásvár gab Leopold eine dringend benötigte Ruhepause, denn im Westen bahnte sich ein neuer Konflikt mit Frankreich an, und ein Zweifrontenkrieg sollte um jeden Preis verhindert werden.

Dies heizte die antihabsburgische Stimmung im ungarischen Adel weiter an. Denn im unter habsburgischer Herrschaft verbliebenen Teil Ungarns – also den nördlichen und westlichen Gebieten des alten Königreiches sowie Kroatien – sollte nach dem Vorbild der österreichischen und böhmischen Länder, wo die Dynastie aus dem Kräftemessen mit der mehrheitlich protestantischen ständischen Opposition siegreich hervorgegangen war, ein ähnliches Regiment aufgebaut werden. Dies bedeutete die Verdrängung der nicht-katholischen Konfessionen und eine Beschneidung der Vorrechte der adeligen Landstände. Die durch die langen Türkenkriege kämpferisch gesinnte Adelsgemeinde Ungarns wollte dies unbedingt verhindern.

Eine Gruppe von führenden ungarischen und kroatischen Aristokraten bildete sich, deren oppositionelle Umtriebe aufgedeckt wurden. Der Vorwurf lautete, dass durch einen bewaffneten Aufstand mit Unterstützung Frankreichs die habsburgische Herrschaft abgeschüttelt werden sollte. Diese „Magnatenverschwörung“ wurde im Keim erstickt und deren Anführer als Warnung für ihre Standesgenossen 1671 hingerichtet. Das brutale Durchgreifen der Wiener Regierung hatte jedoch den gegenteiligen Effekt und stärkte die Opposition. Teile des Adels unter der Führung des siebenbürgischen Adeligen Emmerich Graf Thököly begannen in der Oberherrschaft des Sultans das kleinere Übel zu sehen.

Die instabile Lage in Ungarn wurde vom osmanischen Reich genützt. Eine Großoffensive unter der Führung des türkischen Großwesirs Kara Mustafa wurde gestartet. Im Frühjahr 1683 sammelte sich eine riesige Armee, die entlang der Donau gegen Westen zog. Das Ziel war Wien.

Die dreimonatige Belagerung Wiens im Sommer 1683 wurde zu einem Schlüsselereignis für die Habsburgermonarchie. Leopold und der Kaiserhof waren nach Westen geflüchtet, zunächst nach Linz, dann nach Passau. Die Stadt Wien wurde unter das Kommando von Ernst Rüdiger Graf Starhemberg gestellt und konnte sich mit knapper Not halten. Der Belagerungsring der Osmanen wurde schließlich durch ein Entsatzheer gesprengt, das unter der Führung des polnischen Königs Johann Sobieski und Herzog Karls V. von Lothringen stand. Das Heer bestand aus Truppenverbänden aus verschiedenen Teilen Europas und wurde von Papst Innozenz XI. finanziell massiv unterstützt. Das türkische Heer konnte am 12. September 1683 vernichtend geschlagen werden. Die erfolgreiche Gemeinschaftsaktion zur Rettung Wiens aus höchster Not wurde in der zeitgenössischen Propaganda als Sieg der Christenheit gefeiert.

Martin Mutschlechner