1771–1847

Erzherzog Karl: In Konkurrenz mit dem kaiserlichen Bruder

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Erzherzog Karl gilt als eines der größten militärischen Talente, die die Dynastie in ihrer jahrhundertelangen Geschichte hervorbrachte. Nur kam seine Begabung kaum zur Entfaltung, da sein älterer Bruder, Kaiser Franz II./I., eifersüchtig darauf achtete, dass der populäre Karl seinen nachgereihten Platz im Familienclan nicht vergaß.

Erzherzog Karl Ludwig kam am 5. September 1771 in Florenz zur Welt. Er war das fünfte Kind aus der mit insgesamt 16 Kindern überaus fruchtbaren Ehe von Erzherzog Peter Leopold, Großherzog der Toskana (dem spätereren Kaiser Leopold II.), mit Maria Ludovica von Neapel-Sizilien aus der Dynastie der Bourbonen.

Karl machte als Kind wenig auf sich aufmerksam. Er wurde zunächst für eine kirchliche Laufbahn bestimmt, da er für eine Offizierskarriere als nicht robust genug befunden wurde. Kränklich und schüchtern, ging Karl in der Masse seiner Geschwister unter.

Eine bedeutende Wende im Leben des jungen Erzherzogs trat ein, als seine Tante, Marie Christine, auf ihn aufmerksam wurde. Diese Tochter Maria Theresias war mit Albert von Sachsen Teschen verheiratet. Deren Ehe blieb jedoch kinderlos. Das Paar, das in Brüssel als Statthalter der österreichischen Niederlande residierte, nahm Karl bei sich auf und konzentrierte all seine Energie auf die Erziehung des Knaben, der enorm davon profitierte. Schließlich wurde Karl von seinen Zieheltern adoptiert und damit zum Erben von deren immensen Vermögen gemacht.

Karl zeigte früh eine große Begeisterung fürs Militär, obwohl er körperlich nicht dafür geeignet erschien. Er litt zeitlebens an Epilepsie – so soll er sogar während der Schlacht von Aspern einen Anfall gehabt haben.

Als der Krieg zwischen dem revolutionären Frankreich und der Habsburgermonarchie begann, wurde der 1793 zum Generalmajor beförderte Erzherzog erstmals mit der Realität am Schlachtfeld konfrontiert. Er zeigte hier Talent und wurde in der Folge von seinem Bruder Kaiser Franz mit dem Kommando über die österreichischen Streitkräfte auf dem süddeutschen Kriegsschauplatz betraut, wo er sich durch taktisches Geschick auszeichnete.

Franz nützte hier die Gunst der Stunde, mit Karl über ein militärisch talentiertes Mitglied der Dynastie verfügen zu können, und damit den dynastischen Gedanken in der Armee zu stärken. 1796 wurde Karl zum Reichsfeldmarschall ernannt – er sollte der letzte Träger dieses bombastischen Titels sein, bevor das alte Heilige Römische Reich von der Landkarte verschwand.

Die hochtrabenden Pläne wurden aber durch den raschen Vormarsch der französischen Truppen in Italien unter der Führung des jungen Napoleons zunichte gemacht. Karl geriet in dieser Krisenzeit auch erstmals in Konflikt mit seinem kaiserlichen Bruder. Kaiser Franz verbat sich jegliche Kritik oder Einmischung und verlangte absolute Unterwerfung der Familienangehörigen unter seinen Willen. Die schwierige Beziehung der Brüder untereinander spiegelte sich in der Karriere Karls: er wurde von seinem Bruder wiederholt mit dem Kommando betraut und dann wieder dessen enthoben.

Erst als die österreichische Kriegsmacht 1801 nach einer Reihe von Niederlagen am Abgrund stand, konnte sich Karl mit seiner Forderung einer durchgreifenden Reform durchsetzen. Er wurde zum Feldmarschall befördert und zum Präsidenten des Hofkriegsrates ernannt. Aufgrund seiner Position als Kriegs- und Marineminster hatte er freie Hand und stieg zum obersten Entscheidungsträger in militärischen Belangen auf. In der Durchführung seiner Maßnahmen wurde er von der weiteren Entwicklung des Kriegsgeschehens jedoch überrollt. Da er die Schlagkraft der Armee als zu gering erachtete und vor einem neuerlichen Krieg warnte, wurde er 1804 von seinem Bruder Franz I. abermals abgesetzt.

Als „Nebendarsteller“ im Kriegsdrama wurde er Zeuge der verheerenden Niederlage Österreichs in der Schlacht von Austerlitz 1805, in deren Folge Napoleon bis nach Wien ziehen und dem Kaiser den für Österreich nachteiligen Frieden von Pressburg diktieren konnte. Napoleon, der das Talent Karls erkannte, soll ihm damals sogar den österreichischen Thron angeboten haben, was der Habsburger jedoch aus familiärer Rücksicht auf seinen ungeliebten Bruder ablehnte.

Angesichts des katastrophalen Zustandes der Armee wurde Karl erneut zum obersten Entscheidungsträger in militärischen Belangen ernannt. Als ein erneuter Krieg gegen Napoleon nicht verhindert werden konnte, erlebte Karls Reformwerk seine Bewährungsprobe. Unter Karls Kommando konnten die österreichischen Truppen zwar die Schlacht von Aspern bei Wien im Mai 1809 erfolgreich für sich entschieden, in der darauf folgenden Niederlage in der Schlacht bei Wagram wurde der Enthusiasmus aber wieder gedämpft. Immerhin war der Sieg bei Aspern aber ein Erfolg mit großer Wirkung, denn erstmals konnte Napoleon in einer offenen Feldschlacht besiegt werden. Auch in das historische Bewusstsein der Nachwelt ging Karl als der „Sieger von Aspern“ ein.

Da Karl in den darauffolgenden Waffenstillstandsverhandlungen in den Augen Kaiser Franz’ allzu eigenmächtig agierte, wurde der Erzherzog danach nie wieder mit einer leitenden Funktion in der Armee betraut. Er befasste sich jedoch weiterhin mit militärischen Fragen und verfasste einige bahnbrechende Schriften zu verschiedenen Themen der Militärverwaltung und der Strategie.

Martin Mutschlechner