Die Toskana als habsburgische Sekundogenitur

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Dank des Kinderreichtums Maria Theresias waren die Habsburger weit davon entfernt, auszusterben. Nur musste nun eine Möglichkeit gefunden werden, nachgeborene Söhne des Herrscherhauses standesgemäß zu versorgen.

Das Großherzogtum Toskana wurde 1737 Teil der habsburgischen Einflusssphäre, nachdem Franz Stephan von Lothringen, der Gatte Maria Theresias, auf Druck der Großmächte auf sein Stammland, das Herzogtum Lothringen, verzichten musste. Als Ersatz erhielt er die Toskana zugesprochen. Das berühmte Geschlecht der Medici, die Florenz in der Epoche der Renaissance zu einem führenden kulturellen Zentrum Europas gemacht hatten, war biologisch erschöpft und auf den Trümmern seiner ehemaligen Bedeutung ausgestorben.

Die Toskana wurde nach dem Tod Franz Stephans 1765 zu einer Sekundogenitur des Hauses Habsburg-Lothringen. Der Zweck dahinter war, dem zweitgeborenen Sohn des Kaisers die Herrschaft über einen souveränen Staat zu ermöglichen. Die Toskana wurde so zu einem Satellitenstaat der Habsburgermonarchie. Ein weiterer Gedanke war, hier eine Art dynastisches Gen-Reservoir zu schaffen. Im Falle des erbenlosen Todes eines habsburgischen Kaisers sollte hier eine Nebenlinie zur Verfügung stehen, die im Ernstfall den Kaiserthron übernehmen würde.

Dieser Fall trat auch bald ein: Kaiser Joseph II. starb 1790 kinderlos. Bereits zu Lebzeiten hatte Joseph seinen Neffen Franz, den Sohn seines in der Toskana regierenden Bruders Leopold nach Wien geholt, um ihn zum Nachfolger aufzubauen. Beim Zeitpunkt des Todes Josephs wurde dieser Neffe aber als noch zu jung und zu unreif für die Übernahme des Kaiseramtes angesehen, und so rückte Josephs nächstältester Bruder nach: Aus Peter Leopold, Großherzog der Toskana, wurde Kaiser Leopold II., der jedoch nach nur zwei Jahren Regentschaft als Kaiser 1792 unerwartet starb.

Leopolds zweitältester Sohn Ferdinand (1769–1824) übernahm mit nur 22 Jahren die Regierung in Florenz. Er geriet in den Strudel der Ereignisse im Zuge der Umwälzungen durch Napoleon, der Europa nach seinem Willen umgestaltete. Die Habsburger wurden zunächst 1799 aus der Toskana vertrieben. Erst 1814 gelang die Rückkehr, als Europa im Wiener Kongress neu geordnet wurde, und die Spuren der Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons so weit wie möglich getilgt werden sollten.

Dies gelang jedoch nicht völlig. Die Idee des Nationalstaates und die Forderung nach  bürgerlichen Freiheiten anstelle feudaler Vorherrschaft blieben im Volk lebendig. Auch auf der italienischen Halbinsel, die in Klein- und Mittelstaaten geteilt unter der Herrschaft verschiedener Dynastien und des Papstes stand, wurde die Errichtung eines Nationalstaates zu einem Ideal der liberalen bürgerlichen Kräfte.

Großherzog Ferdinand setzte die habsburgische Nebenlinie in der Toskana fort. Er war zweimal verheiratet: Seiner ersten Ehe mit Marie Louise von Neapel-Sizilien (1773–1802) aus dem Haus Bourbon entstammten sechs Kinder. Die Hochzeit der beiden in Wien 1790 war ein großes Spektakel, denn man feierte eine Dreifachhochzeit: Drei Geschwister aus dem Haus Habsburg wurden zeitgleich mit drei Geschwistern aus der neapolitanischen Linie des Hauses Bourbon vermählt. Ferdinands älterer Bruder Franz (der spätere Kaiser Franz II./I.) heiratete die ältere Schwester von Ferdinands Braut, Maria Theresia. Und die jüngere Schwester der beiden habsburgischen Brüder Franz und Ferdinand, Maria Klementina, wurde mit dem damals erst 13jährigen Bruder der beiden Bourboninnen, Franz von Neapel, verheiratet. Der Nachwelt blieb diese dynastische Massenhochzeit auch deshalb in Erinnerung, da hier extrem eng mit einander verwandte Ehepartner heirateten. Denn bereits die Eltern der Brautleute waren Geschwisterpaare der Dynastien Habsburg-Lothringen und Bourbon, die gegenseitig mit einander vermählt wurden. Ein derart extremer Fall von Inzucht war selbst in der Welt des alteuropäischen Feudaladels eine Seltenheit.

Ferdinands zweite Ehe mit Maria von Sachsen (1795–1865) blieb kinderlos. Auch die Umstände dieser Ehe sind ungewöhnlich. Marias jüngere Schwester Maria Anna war bereits mit dem Sohn Ferdinands aus dessen erster Ehe, Großherzog Leopold II., verheiratet, jedoch wurde dem Ehepaar lange Zeit kein Sohn geboren. Um die Dynastie vor dem Aussterben zu bewahren, ging der verwitwete 52jährige Ferdinand 1821 eine zweite Ehe mit der um 25 Jahre jüngeren Schwester seiner Schwiegertochter ein. Es sollte sich jedoch kein Nachwuchs einstellen, denn bereits drei Jahre später starb Ferdinand. Seine junge Gattin überlebte ihn um 41 Jahre.

Großherzog Ferdinand III. starb am 16. Juni 1824 in Florenz, wo er in der Lothringerkapelle der Basilika San Lorenzo, der Grablege der toskanischen Herrscher aus dem Haus Habsburg-Lothringen, bestattet liegt.

Ferdinands Nachfolger auf dem Florentiner Thron, Leopold II. (1797–1870) wurde nach dem frühen Tod seines Vaters 1824 zum Herrscher der Toskana. Er setzte als Monarch wichtige wirtschaftliche Reformmaßnahmen. Seine an sich wohlmeinende Herrschaft wurde aber überschattet von den Strömungen des revolutionär gesinnten italienischen Nationalismus,  der das Ende der feudalen Kleinstaaterei auf der Apenninenhalbinsel und die Errichtung eines modernen italienischen Nationalstaates forderte. Nachdem Leopold im Zuge der revolutionären Ereignisse 1847/48 der Einführung der konstitutionellen Monarchie und der Erweiterung der bürgerlichen Freiheiten zugestimmt hatte, wurde seine pro-österreichische Haltung von der toskanischen Regierung abgelehnt. Die Toskana schloss sich dem Unabhängigkeitskrieg gegen die österreichische Herrschaft in Norditalien an.

Um die Herrschaft wiederzuerlangen, wandte sich Leopold an seinen jungen Verwandten auf dem österreichischen Kaiserthron, Kaiser Franz Joseph, der damals mit größter Härte und brutalen Maßnahmen die Revolution in seinem Reich niederschlug. In der Folge besetzten österreichische Truppen die Toskana. Die österreichische Militärpräsenz (bis 1855) und die reaktionären Maßnahmen Leopolds nach 1848 wie die Abschaffung der Verfassung ließen seinen Rückhalt im Volk drastisch schwinden. Der ursprünglich sehr beliebte Herrscher wurde dann schließlich politisch isoliert 1859 im Zuge der Einigung Italiens im sogenannten „Risorgimento“ aus der Toskana vertrieben. Großherzog Leopold ging mit seiner Familie ins Exil nach Böhmen. Der Exilherrscher  starb während eines Aufenthaltes in Rom am 29. Januar 1870. Sein Leichnam wurde in der Wiener Kapuzinergruft beigesetzt.

Leopolds ältester Sohn, Ferdinand IV. (1835 –1908), führte als letzter Habsburger den Titel eines Großherzogs der Toskana. Sein Vater hatte, um einer Absetzung im Zuge der Einigung Italiens zu entgehen, 1859 zu Gunsten seines Sohnes abgedankt. Ferdinand gelang es aber nicht mehr, die Regentschaft in der Toskana tatsächlich anzutreten. Er führte nur mehr pro forma den Titel eines Großherzogs, verbrachte sein Leben jedoch im Exil in Salzburg. Die offizielle Abdankung erfolgte erst 1870 auf Druck Kaiser Franz Josephs, der die Beziehungen zu Italien verbessern wollte. 

Martin Mutschlechner