Der neue Trend: Luxusgut Kernfamilie

Wohnungsnot einer Arbeiterfamilie, Fotografie, um 1900

Das Familienideal der 'Kernfamilie' des Biedermeiers verbreitete sich durch alle Bevölkerungsschichten. Dem häuslichen Glück sollte nichts im Wege stehen …

Wohnungsnot einer Arbeiterfamilie, Fotografie, um 1900

Bäuerliche und Handwerkerfamilien näherten sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts und mit der fortschreitenden Industrialisierung dem bürgerlichen Familienideal. Der Wandel der Produktionsverhältnisse (etwa der Einsatz von Maschinen in der Landwirtschaft) setzte landwirtschaftliche Arbeitskräfte frei, sodass viele (Klein)Bauern ihre Wirtschaft nur mit familiären Arbeitskräften bewerkstelligen konnten bzw. mussten. Umgekehrt bekam der ländliche Arbeitsmarkt auch Konkurrenz durch die für viele attraktiveren Arbeitsmöglichkeiten in der Stadt und in den Industriegebieten. In der traditionellen bäuerlichen Gesellschaft und im Handwerk lebten und arbeiteten im Haushalt die biologische Familie mitsamt Gesinde bzw. Gesellen zusammen.

Im Gegensatz zu den bäuerlichen und handwerklichen Familien kam es bei den ArbeiterInnen zur Trennung von Arbeitsplatz und Wohnort. Die kleinen Wohnungen, oft nur bestehend aus Kabinett und Küche, boten kaum individuelle Freiräume. Die Löhne reichten für die Mieten oftmals nicht aus, sodass viele Arbeiterfamilien auf fremde Untermieter, so genannte „Bettgeher“, angewiesen waren. Ihnen wurde gegen Geld ein Schlafplatz zur Verfügung gestellt.
Jene Arbeiterfamilien, die über eine eigene Wohnung verfügten, konnten sich dem bürgerliche Familienideal der allein lebenden Kernfamilie zumindest nähern. Erst die Erhöhung der Realeinkommen gegen Ende des 19. Jahrhunderts ermöglichte es vielen Arbeiterfamilien, die Miete ohne fremde Mitfinanzierung zu bezahlen. Die Einkommen von Vater, Mutter und Kindern zusammen reichten erstmals aus, um sich eigene vier Wände leisten zu können. Nur etwa 10 bis 20 Prozent der Arbeiterfamilien kamen ohne den Zuverdienst der Frauen aus, deren Entlohnung für die gleiche Arbeit allerdings nur ein Bruchteil des ‚männlichen‘ Einkommens ausmachte.

Anita Winkler