1278–1918

Vienna Gloriosa: Die Großprojekte Karls VI. im Bereich der Hofburg

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Bei Regierungsantritt Karls VI. präsentierte sich die Wiener Hofburg – immerhin Residenz eines Monarchen mit Anspruch auf die Führungsrolle in Europa – als altertümliches Konglomerat von Trakten verschiedenen Alters und unterschiedlicher Qualität. Die letzte große Umgestaltung, der Bau des Leopoldinischen Traktes, lag mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.

In seiner architekturtheoretischen Schrift „Werk von der Architektur“ (ca. 1675) nennt Fürst Karl Eusebius von Liechtenstein die Intention hinter den Bauaufträgen adeliger Bauherren: Dan dises ist die eintzige und hechste Ursach der vornehmen und statlichen Gebeu: der unsterbliche Nahmen und Ruhm und ebige Gedechtnus, so von den Structore [= Erbauer] hinterlassen wiert […] Alles gehet hin und vertierbet und verweset, allein das vornehme Gebeu nicht.

Zitiert nach: Lorenz, Hellmut: Nichts Brachtigeres kann gemachet werden als die vornehmen Gebeude. Bemerkungen zur Bautätigkeit der Fürsten von Liechtenstein in der Barockzeit, In: Oberhammer, Evelin (Hrsg.): Der ganzen Welt ein Lob und Spiegel. Das Fürstenhaus Liechtenstein in der frühen Neuzeit, Wien 1990, 138-154 (hier 144)

Umso erstaunlicher ist dies, wenn man bedenkt, dass in der Barockzeit gerade die Architektur als das beste Mittel zur Darstellung von Macht galt. Dennoch konnte der kaiserliche Hofarchitekt, Johann Bernhard Fischer von Erlach, der seit seinem Aufsehen erregenden ersten Entwurf für Schönbrunn als Spezialist für Monumentalbauten galt, zunächst nur wenige seiner Projekte für das Kaiserhaus tatsächlich realisieren, da die finanziellen Mittel im spanischen Erbfolgekrieg gebunden waren.

Ab 1715 setzte dann jedoch ein gewaltiger Bauboom ein, als Karl VI. in kurzer Folge einige bedeutende Bauvorhaben im Bereich der Hofburg in Angriff nahm.

Zunächst entstand der Komplex der Hofstallungen (heute Museumsquartier), der mit seiner enormen, mehr als 300 Meter breiten Front als Gegengewicht zur Hofburg jenseits der Stadtmauer errichtet wurde. Fischers Idealprojekt, das nur in verkleinerter Form realisiert wurde, nahm Maß an den Großbauten der römischen Antike.

Als das späte Meisterwerk Fischers gilt die Hofbibliothek, deren Dimensionen und Formensprache ein einmaliges Zeugnis des habsburgischen Anspruchs auf Dominanz in  kulturellen Belangen darstellen. Im Zentrum des Mittelsaales steht bis heute eine Statue des Kaisers in antiker Pose, die Karl VI. als Schirmherr der Künste und Wissenschaften zeigt.

Nach Fischers Tod 1723 übernahm sein Sohn Joseph Emanuel die Stellung als Hofarchitekt und führte die Projekte des Vaters, bereichert um eigene Planungen, fort. Auf ihn geht der Reichskanzleitrakt zurück, dessen flächige Fassadengestaltung der monumentalen Schauwand Rücksicht nimmt auf die älteren Trakte um den Inneren Burghof. Eine technische Meisterleistung auf der Höhe der Zeit war die Deckenkonstruktion der weiten Halle der Winterreitschule, die lange der größte stützenlose Saal der Stadt war.

Ebenfalls auf Planungen des jüngeren Fischers geht der Michaelertrakt zurück, dessen bewegte Front im Gegensatz zur altmodischen Flächigkeit der Hoffassaden steht.  Ursprünglich hätte der Bau nicht von einer Kuppel bekrönt sein sollen, sondern es war eine offene Rotunde als stadtseitiger Haupteingang zur kaiserlichen Burg vorgesehen.

Dieser Trakt wurde jedoch nicht vollendet und blieb bis ins späte 19. Jahrhundert ein Torso. Erst Franz Joseph ließ den Bau in barocken Formen fertig stellen, als die monumentale Architektursprache des “österreichischen Heldenzeitalters” wieder als Symbol habsburgischer Herrschaftskontinuität herhalten musste.

Martin Mutschlechner