1830–1916

Probleme und Potenziale eines Vielvölkerstaates

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Eine der stärksten Herausforderungen für die Doppelmonarchie war das Nationalitätenproblem. Das Reich Franz Josephs war ein Vielvölkerstaat, in dem mehr als zehn verschiedene Sprachen gesprochen wurden und alle europäischen Religionen vertreten waren.

Ein Problem ergab sich durch die unterschiedlichen Anteile der verschiedenen ethnischen Gruppen an politischen Gestaltungsmöglichkeiten. Nach dem Ausgleich wurde neben den deutschsprachigen Eliten nun auch die magyarische Volksgruppe besonders bevorzugt. Dies erzeugte Widerstand bei anderen Nationalitäten; vor allem die slawischen Volksgruppen sahen sich benachteiligt. Tschechen und Südslawen forderten vehement eine verstärkte Föderalisierung der Monarchie. Besonders die Tschechen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dank einer rasanten wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung die führende Rolle unter den slawischen Völkern der Monarchie einnahmen, forderten als drittstärkste Nationalität eine angemessene Position innerhalb des Gesamtstaates. Die Hoffnungen der Tschechen wurden enttäuscht, als der von Franz Joseph ursprünglich versprochene „böhmische Ausgleich“ 1871 am Widerstand der Deutschen in Böhmen endgültig scheiterte.

In engem Zusammenhang mit der Nationalitätenfrage stand die Balkanpolitik Österreich-Ungarns. Franz Joseph hegte ambitionierte Expansionspläne in Südosteuropa, da er am Balkan Ersatz für die nach dem Verlust der italienischen Gebiete territorial verkleinerte Monarchie zu sehen glaubte. Im Laufe des Zerfalls des Osmanischen Reiches waren im 19. Jahrhundert neue Staaten (u.a. Griechenland, Serbien, Rumänien) entstanden. Die europäischen Großmächte waren als Schutzmächte in diesen Prozess involviert. Es kam zu einem massiven Interessenkonflikt zwischen Österreich-Ungarn und Russland, das sich als Schutzmacht der orthodoxen Balkanslawen sah.

1878 erfolgte aufgrund der Beschlüsse des Berliner Kongresses die Okkupation der osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina, wobei diese offiziell weiterhin Teil des Osmanischen Reiches blieben. Die unterentwickelten Gebiete erhielten in der Folge die Stellung von durch das gemeinsame k. u. k. Finanzministerium verwalteten „Reichslanden“. Der Gebietszuwachs hatte auch nationalitätenpolitische Folgen, denn es kam zu einer Stärkung der (süd)slawischen Bevölkerungsgruppe, was in der Forderung der slawischen Volksgruppen nach einem Trialismus mit stärkerer Einbeziehung der slawischen Bevölkerungsmehrheit und dem Ende der deutschen und magyarischen Bevormundung mündete.

An der Lösung der Balkanfrage waren die liberalen Regierungen gescheitert; sie wurden schließlich 1879 von der konservativen Regierung Taaffe (1879-1893) abgelöst. Die Ära Taaffe war durch Wahlrechtsreformen geprägt. Durch eine Reduzierung der für das Wahlrecht festgelegten Steuerleistung („Zensus“) erhielten breitere Bevölkerungsgruppen, vor allem aus dem Kleinbürgertum und dem Bauernstand, politische Mitsprache auf Reichsebene. In der Folge entstanden die modernen Massenparteien der Christlich-Sozialen und Sozialdemokraten.

Die Jahrzehnte um1867 waren vom Fortschritt auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet geprägt. Das Habsburgerreich erlebte einen Aufschwung, neue Industriezweige und ein finanzstarkes Bürgertum entstanden („Gründerzeit“). Die Monarchie wandelte sich vom feudalen Agrarstaat zu einer Industriegesellschaft, wenn auch enorme Unterschiede zwischen hochentwickelten und rückständigen Landesteilen bestehen blieben.

Franz Joseph stand dem gesellschaftlichen Wandel ambivalent gegenüber. Der Wiener Hof blieb weiterhin ein Hort der Traditionen und galt als elitärster Europas. Die neuen bürgerlichen Eliten und der Finanzadel wurden als „Zweite Gesellschaft“ zwar Träger des kulturellen Lebens der Stadt – die Wiener Ringstraße gilt als Symbol dieser Zeit. Dennoch wurden sie jedoch vom Hof nicht als der alteingesessenen Aristokratie gleichwertig angesehen.

Nicht zu unterschätzen ist jedoch Franz Josephs Wirken als „ausgleichendes Moment“ dank seiner persönlichen Autorität in den letzten Jahrzehnten seiner Regierung. Obwohl er sich selbst als „deutscher Fürst“ verstand und das Primat der deutschen Sprache und Kultur als „Kitt“ der Monarchie als naturgegeben ansah, war er stets bemüht, in seinem persönlichen Handeln nicht auch nur den Anschein einer Bevorzugung einer der ethnischen Gruppen aufkommen zu lassen. Franz Joseph vertrat einen vormodernen Nationsbegriff und stand den aktuellen Nationalitätenkonflikten verständnislos gegenüber.

In seinem Verhältnis zu den verschiedenen Konfessionen machte er jedoch eine Wandlung durch. War Franz Joseph am Beginn seiner Regentschaft ein Vertreter eines extrem reaktionären politischen Katholizismus, bekannte er sich später zum religiösen Pluralismus in seiner Monarchie – unter Beibehaltung des unangefochtenen Primats der katholischen Kirche wohlgemerkt. Er verhielt sich durchaus wohlwollend gegenüber den anderen Religionsgruppen in seinem Reich: Juden und Muslime sahen in ihm einen besonderen Schutzherrn.

Während der Blütezeit in den Jahrzehnten vor 1900 herrschten in der Monarchie stabile, wenn auch nicht immer spannungsfreie Verhältnisse. Unter der ruhigen Oberfläche begannen jedoch ungelöste Probleme sozialer und nationalitätenpolitischer Art zu gären. 

Martin Mutschlechner