1830–1916

Franz Joseph: Kindheit und Erziehung

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Die Nachricht von der Geburt Franz Josephs am 18. August 1830 löste im Haus Habsburg große Freude aus.

Kaiser Franz I., der stolze Großvater, regierte bei der Geburt des Knaben bereits seit 38 Jahren. Sein Sohn (und Franz Josephs Onkel), der designierte Kronprinz Ferdinand, war körperlich und geistig von schwacher Konstitution und galt als wenig geeignet für die Regentschaft. Aus dessen Ehe war keine Nachkommenschaft zu erwarten.

Daher wurde von Ferdinands nächstälterem Bruder, Erzherzog Franz Karl, und dessen Gattin Erzherzogin Sophie erwartet, die Dynastie fortzusetzen. Sophie hatte bereits mehrere Fehlgeburten erlitten, sodass die Geburt des lang ersehnten, gesunden Knaben die Familie von einer großen Sorge erlöste.

Franz Joseph wurde bereits seit frühester Kindheit an von seiner Mutter, die eine dominierende Rolle innerhalb der Familie spielte und starken Einfluss auf das politische Geschehen hatte, als potenzieller Nachfolger auf dem Kaiserthron aufgebaut.

Daher stand Franz Joseph im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Familie wie des gesamten Hofes. Die stolze Mutter Sophie beobachtete die körperliche und geistige Entwicklung ihres Erstgeborenen in ihren Tagebüchern penibel – so wurde das Kleinkind in seiner Umgebung bald „Gottheiterl“ genannt.

Franz Josephs Aja (=Vorsteherin der Kindskammer und damit verantwortlich für die Erziehung und Versorgung des Kindes bis zum sechsten Lebensjahr), Baronin Louise Sturmfeder, eine den Prinzipien der katholischen Kirche und der habsburgischen Dynastie treu ergebene Vertraute Sophies, war eine wichtige und prägende Bezugsperson für das Kleinkind. In einem Überschwang kindlicher Liebe meinte Franzi, wie der kleine Bub in der Familie genannt wurde, einmal: „Wenn Du einmal stirbst, laß ich Dich ausstopfen!

Sehr bald stand fest, dass der kleine Erzherzog einmal Kaiser werden sollte. Daher wurden die Leitlinien seiner Erziehung mit großer Sorgfalt ausgearbeitet. Franz Josephs „Ausbildung“ zum zukünftigen Kaiser ist gut dokumentiert. Nachdem er der Kinderstube entwachsen war, wurde Heinrich Franz Graf Bombelles als Ajo mit der Erziehung betraut. Die Grundsätze der Erziehung beruhten auf Pflichtgefühl, Religiosität und dynastischem Bewusstsein. Das Programm wurde von Mutter Sophie und Staatskanzler Fürst Metternich zusammengestellt. Das Kind hatte ein enormes Lernpensum zu bewältigen. Ein Hauptaugenmerk lag auf dem Spracherwerb: Im Vordergrund standen von Anfang an Deutsch und vor allem Französisch, damals die Verkehrssprache der politischen und sozialen Eliten. Früh wurden mit Tschechisch und Ungarisch sowie später mit Italienisch und Polnisch die wichtigsten Sprachen der Monarchie einbezogen. Daneben wurde auch auf die Sprachen der Antike, Latein und Altgriechisch, nicht vergessen. Weiters erhielt der Prinz die zeitübliche Allgemeinbildung sowie Unterricht in künstlerischen Fächern wie Zeichnen – worin er eine erstaunliche Begabung aufzuweisen hatte – und Musik, für die er weniger Begeisterung entwickelte.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Leibeserziehung (Turnen, Schwimmen, Fechten, Reiten, Tanzen) und der Einführung in militärisch-strategische Grundkenntnisse. Franz Joseph sollte eine Offiziersausbildung durchlaufen. Anlässlich seines 13. Geburtstages wurde er zum Obersten des Dragonerregiments Nr. 3 ernannt. Überhaupt stand der militärische Aspekt in der Erziehung im Vordergrund, denn der zukünftige Kaiser sollte in der Armee die wichtigste Stütze seiner Herrschaft sehen lernen. Die Einführung in das Staatswesen wurde von Metternich persönlich vorgetragen.

Franz Joseph hatte in seiner Kindheit wenig Freiraum. Der Sechsjährige hatte 13 bis 18 Wochenstunden zu absolvieren, mit sieben Jahren bereits 32 Wochenstunden. Im Alter von 16 Jahren war sein Tagesprogramm von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends vollkommen durchstrukturiert.

Die Erziehung Franz Josephs wird von vielen seiner Biografen als regelrechte Dressur  gesehen, durch die seine spätere Persönlichkeit vorgeformt wurde. Das Fundament für Franz Josephs Selbstverständnis als Soldat und Erster Diener des Staates wurde damals gelegt.

Martin Mutschlechner