1830–1916

Franz Joseph: „Der Kaiser“ schlechthin

Druckversion

Kaiser Franz Joseph war der am längsten regierende Habsburger: seine Regentschaftsperiode dauerte 68 Jahre. Er war eine Integrationsfigur, durch deren Tod die Monarchie der Habsburger eine wichtige Stütze verlor.

Franz Joseph hinterließ er deutliche Spuren im historischen Bewusstsein der Nachwelt. Gegen Ende seines Lebens wurde er zum Mythos, zum Symbol der Monarchie, und war über jede Kritik erhaben. Franz Joseph gilt bis heute in den Nachfolgestaaten der Monarchie als „der Kaiser“ schlechthin.

Seine Persönlichkeit machte eine schwierige Entwicklung durch: von frühester Jugend an wurde ihm ein Gefühl der Auserwähltheit und der Demut vor dem Kaiseramt vermittelt. Seine seelische Isolation wurde verstärkt durch das Zeremoniell am Wiener Hof, das die kaiserliche Majestät quasi-religiös dem Umfeld entrückte. Franz Joseph war durchdrungen vom Gedanken seines göttlichen Auftrags als Kaiser.

Franz Joseph wird als junger Mann als charmant, höflich und gut aussehend beschrieben. Mit zunehmendem Alter wurde er wortkarg und verschlossen, ließ sich Emotionen kaum anmerken. Er war bestrebt, eine Art von Distanz zwischen seiner Person und seiner Umwelt zu erhalten, sowohl als Monarch als auch in der Familie. Er pflegte ein patriarchalisches Familienverständnis. Franz Joseph war das unbestrittene Oberhaupt des Hauses Habsburg-Lothringen. Widerstand gegen seinen „allerhöchsten Willen“ wurde nicht geduldet, was im Extremfall zum Ausschluss aus der Familie und Verlust des Namens und der Privilegien führen konnte. Franz Joseph war eine autoritäre Vaterfigur, was sich auch in der Tragödie seines Sohnes Rudolf zeigte: Der Kaiser begegnete den liberalen Ideen seines Sohnes mit größtem Unverständnis, der Selbstmord war ihm völlig unbegreiflich.

Franz Joseph war kein großer Denker, sondern ein trockener Pragmatiker, der die philosophierenden Ansichten seiner Gattin als „Wolkenkraxeleien“ abtat. Der Kaiser war zwar prinzipiell an Malerei und Architektur interessiert, entwickelte darin jedoch einen konservativen Geschmack – die heute geradezu als Markenzeichen des Wiener Kulturlebens um 1900 gefeierte Wiener Moderne blieb ihm zeitlebens fremd. Die sonst im Haus Habsburg stark vertretene Musikliebe war bei Franz Joseph überhaupt nicht ausgebildet. Auch gesellschaftliche Anlässe wurden meist nur aus Pflichtbewusstsein absolviert, waren Franz Joseph persönlich aber höchst zuwider.

Dank der von soldatischem Drill geprägten Erziehung hatte Franz Josephs Persönlichkeit militaristische Züge. Der ob seiner Hingabe für das Militär in seiner Jugend als „rothosiger Leutnant“ verspottete Monarch sah in der Armee die wichtigste Stütze der Monarchie, obwohl er persönlich offensichtlich nicht mit strategischem Geschick gesegnet war. Franz Joseph war ein Offizier für die Friedenszeit, ein Ordnungsfetischist mit einer ausgeprägten Leidenschaft für Exerzieren und Paraden. Dies zeigt auch seine Wertschätzung für die militärische Uniform, die ihm zur Alltagskleidung wurde.

Die Persönlichkeit des Kaisers wird unisono als nüchtern und fantasielos geschildert: Pflichtbewusst bis zur Pedanterie, galten ihm Pünktlichkeit und Ordnungssinn als höchste Tugenden. Franz Joseph galt als „Aktenmensch“, der ein enormes Arbeitspensum absolvierte und wie ein Uhrwerk funktionierte. Der Kaiser entwickelte einen „fast religiösen Glauben an den Wert bürokratischer Leistungen“ (Holler). Dabei ging er in der Aktenflut unter, verzettelte sich in Nebensächlichkeiten und war unfähig, selbst Kleinigkeiten zu delegieren. Zudem war er teilweise entscheidungsschwach, forderte immer mehr zusätzliche Expertisen und Informationen, was eine verschleppende Wirkung in der Entscheidungsfindung zur Folge hatte.

Als Flucht aus seiner „Papierenen Existenz“ (O-Ton Franz Joseph) dienten ihm die Sommeraufenthalte im Salzkammergut, das zu seiner Seelenheimat wurde. Jeden Sommer verbrachte Franz Joseph einige Wochen in seinem „geliebten Ischl“, wo der Kaiser leutselig und volkstümlich in Jägertracht auftrat.

Was seinen Lebensstil betraf, war Franz Joseph an sich ein anspruchsloser Mensch: Sein Wohnumfeld und seine kulinarischen Vorlieben lassen ihn als Durchschnittsmensch erscheinen. In den ersten Jahrzehnten seiner Regierung war er zudem finanziell eingeengt: Sein Onkel Ferdinand hatte zwar auf den Thron verzichtet, jedoch nicht auf das Familienvermögen, sodass Franz Joseph auf die nicht allzu hohen staatliche Apanage angewiesen war. So musste er für größere Ausgaben seinen Onkel in Prag um Unterstützung bitten. Auch der Hochzeitsschmuck Elisabeths wurde von Ferdinand finanziert. Erst nach dem Tod des Onkels 1875 konnte Franz Joseph frei über dessen großes Privatvermögen verfügen, was sich sofort in einer enormen Steigerung der Ausgaben für seine Gattin Elisabeth äußerte, deren extravagante Wünsche er nun leichter erfüllen konnte. Obwohl er bei seinen persönlichen Ausgaben einen regelrechten Sparzwang entwickelte, zeigte er sich umso großzügiger gegenüber ihm wichtigen Menschen wie seiner Gattin Elisabeth oder seiner Gefährtin Katharina Schratt. Franz Joseph finanzierte den exklusiven Lebensstil der beiden Damen, dem er zwar mit Unverständnis begegnete, dennoch ohne großen Widerspruch.

Der persönlich integre und korrekte Mensch Franz Joseph wird von seiner Umwelt als stoisch bis gefühlskalt geschildert angesichts der zahlreichen politischen und militärischen Niederlagen als Regent, die er als persönliche Rückschläge wahrnahm. Gleichermaßen beherrscht meisterte er etliche familiäre Schicksalsschläge, wie den frühen Tod seiner ersten Tochter Sophie, die Exekution seines als Kaiser von Mexiko gescheiterten Bruders Maximilian, den Freitod seines einzigen Sohnes Rudolf und die Ermordung seiner geliebten Sisi. Dies nährte das Bild vom Kaiser als Fels in Brandung, dem „nichts erspart geblieben“ ist.

Gegen Ende seines Lebens wurde Franz Joseph zu einem Relikt einer längst vergangenen Zeit und war zunehmend isoliert von den Entwicklungen der modernen Gesellschaft. Er wurde zur Symbolfigur der Spätzeit der Habsburgermonarchie, die wahrscheinlich einen weitblickenderen, offeneren Monarchen benötigt hätte, um die anstehenden Probleme zu bewältigen. Der „alte Herr in Schönbrunn“ trug somit durch seinen erstarrten Traditionalismus entgegen seinen Absichten zum Ende der Monarchie bei. 

Martin Mutschlechner