1830–1916

Franz Josephs Regentschaft – Teil III: Der alternde Kaiser 1898–1916

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Gegen Ende des Jahrhunderts wurde für die Politik Kaiser Franz Josephs der Begriff des „Fortwurstelns“ geprägt. Die politischen Entscheidungsträger sahen sich außer Stande, Lösungen für die brennenden Probleme zu finden.

Die Erstarrung des politischen Systems unter Franz Joseph fand einen wichtigen Kritiker in der Person seines liberal gesinnten Sohnes Rudolf, der gezielt von jeglicher politischen Einflussnahme fern gehalten wurde. Auch zwischen Franz Joseph und seinem Neffen Erzherzog Franz Ferdinand, der nach dem Selbstmord Rudolfs zu seinem Nachfolger auserkoren wurde, klafften große Meinungsunterschiede, verstärkt durch persönliche Abneigung. Grund für das schwierige Verhältnis zwischen den beiden Männern war neben den politischen Auffassungsunterschieden vor allem die nicht standesgemäße Ehe des Thronfolgers mit Sophie Gräfin Chotek, die dieser trotz der Ablehnung des Kaisers durchsetzte – zum Preis des Verzichts auf die Zugehörigkeit zum Haus Habsburg für seine Nachkommen. Franz Joseph sah darin eine Verletzung der dynastischen Pflicht des Thronfolgers, das Herrscherhaus weiterzuführen.

Ab 1893 verfügte die österreichische Reichshälfte über keine stabilen Regierungen mehr, da diese nacheinander an der Lösung der brennenden sozialen Probleme und angesichts des nationalistischen Extremismus scheiterten. Das Militär und der Beamtenapparat wurden somit zur wichtigsten Stütze der Monarchie, die nach veralteten Prinzipien weiterverwaltet wurde, ohne dass es zu einer grundlegenden Bereinigung der Missstände kam. Das Reich und sein Kaiser wurden von der Moderne überrollt. „Der alte Herr in Schönbrunn“ hielt sich aus dem politischen Tagesgeschäft heraus und wurde mit zunehmendem Alter zu einer mystifizierten, über jede Kritik erhabenen Symbolfigur für den Zusammenhalt der Monarchie. Kein Staatspatriotismus, sondern die Loyalität zum Monarchen wurde als Ausdruck des Zugehörigkeitsgefühls der Bürger zur Monarchie propagiert.

Zudem entwickelte sich die Lage am „Pulverfass Balkan“ zu Ungunsten Österreich-Ungarns. Als Bosnien-Herzegowina 1908 endgültig annektiert und somit zum Staatsgebiet der Monarchie wurde, kam es zu einer außenpolitischen Krise. Das Habsburgerreich stand im Konflikt mit Serbien und dem Osmanischen Reich. Zugleich war der außenpolitische Spielraum aufgrund der Isolierung Österreich-Ungarns im europäischen Mächtespiel stark eingeengt, sodass das Reich Franz Josephs nun noch stärker von seinem deutschen Bündnispartner abhängig wurde.

In diese gefährliche Situation platzte die Nachricht vom Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914, dem der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin zum Opfer fielen. Franz Joseph verstand das Attentat als einen Angriff auf die Ehre der Dynastie und erklärte dem Königreich Serbien, in dem er den Drahtzieher des Attentats sah, den Krieg. In einer Art Kettenreaktion folgten wechselseitige Kriegserklärungen – der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Die Rolle Franz Josephs dabei wird von seinen Biografen unterschiedlich beurteilt: Von einigen wird er als seniler Greis dargestellt, der, von seiner Umgebung abgeschottet, die Konsequenzen seines Handelns nicht mehr begriff. Andere meinen, der alte Kaiser habe sein Reich sehenden Auges in den Untergang geführt, da er das Ende seiner gewohnten Welt gekommen sah. Als Ausdruck seines Fatalismus wird hierfür der bekannte Ausspruch Franz Josephs zitiert: „Wenn wir schon zugrunde gehen müssen, dann wenigstens anständig!“

Inmitten der Wirren des Ersten Weltkrieges starb Franz Joseph am 21. November 1916 mit 86 Jahren an einer Lungenentzündung. Durch seinen Tod ging der Monarchie eine der letzten Klammern verloren, die das ohnedies durch soziale und ethnische Spannungen geschwächte und durch den Weltkrieg bis an die Grenzen der Belastbarkeit geforderte Staatengefüge zusammenhielt. Die Begräbnisprozession am 30. November 1916 wurde für viele Zeitgenossen zu einem denkwürdigen Sinnbild für das Ende einer Epoche. 

Martin Mutschlechner