1685–1740

Karl als König von Spanien – ein Monarch auf Abruf

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1700 starb König Karl II., der letzte männliche Habsburger der spanischen Linie der Dynastie. Der österreichische Zweig der Habsburger meldete sofort seinen Anspruch auf den Thron an. Kaiser Leopold schickte seinen jüngeren Sohn Erzherzog Karl ins Rennen.

Der Spanische Erbfolgekrieg, der sich an der Frage der Nachfolge auf dem Madrider Thron entzündete, zog sich über weite Teile des Kontinents. Der Hauptgegner der Habsburger im Konflikt um das spanische Erbe war die französische Herrscherdynastie der Bourbonen. Frankreichs Diplomatie war es gelungen, König Karl II. kurz vor seinem Tod ein Testament abzuringen, das den französischen Thronprätendenten Philipp von Anjou begünstigte. Philipp war der Enkel einer Schwester des dahinsiechenden spanischen Monarchen, die mit dem Sonnenkönig Ludwig XVI. vermählt gewesen war. 

Involviert waren aber auch andere Staaten Europas. Österreich befand sich in einer Allianz mit den Seemächten Großbritannien und Holland sowie Portugal. Die führende Macht in dieser Koalition gegen Frankreich, Großbritannien, verlangte im Sinne der Gleichgewichtspolitik die Aufteilung der Spanischen Monarchie. Es sollte verhindert werden, dass die spanischen Territorien – das eigentliche Spanien, die italienischen Gebiete unter spanischer Herrschaft (Lombardei, Sardinien und Neapel-Sizilien), die Spanischen Niederlande sowie die überseeischen Kolonien – als Gesamtheit in die Hände einer Dynastie, seien es Bourbonen oder Habsburger, fallen sollten.

Um dieser Forderungen der Alliierten nachzukommen, wurde eine Abmachung geschlossen, die eine Linienteilung im Haus Habsburg festlegen sollte. Gemäß den Bestimmungen des „Pactum mutuae successionis“ von 1703 sollte Joseph, der ältere Sohn Kaiser Leopolds I., die Herrschaft in den mitteleuropäischen Gebieten fortführen und die Kaiserwürde erhalten. Der jüngere Sohn Karl wäre demnach für die Herrschaft in Spanien vorgesehen gewesen. Karl, damals noch nicht einmal 20 Jahre alt, war zunächst ein eher passives Objekt der Großmachtpolitik seines Vaters.

Bei seiner Ankunft in Spanien 1704 musste Karl erkennen, dass die Hoffnung, seine Herrschaft in Spanien gegen seinen Gegner Phillip von Anjou bald durchsetzen zu können, illusorisch war. Der Habsburger fand zwar Rückhalt in Katalanien und Aragonien, wo die lokalen Eliten gegen die Zentralregierung in Madrid opponierten. Kastilien, das Herzland der spanischen Monarchie, vermochte Karl jedoch nicht längerfristig unter seine Kontrolle zu bringen. 

Die Situation änderte sich jedoch schlagartig durch den plötzlichen Tod seines Bruders Joseph im Jahre 1711. Karl, der seinen Anspruch auf Spanien nicht aufgeben wollte, war nun auch der einzige Erbe der österreichischen Monarchie und Kandidat für den Kaiserthron – eine enorme Machtkonzentration in den Händen eines Monarchen. Dies widersprach dem Gedanken der Gleichgewichtspolitik, und die Verbündeten entzogen Österreich ihre Unterstützung.

Im Laufe des Jahres 1713 verständigten sich Österreichs Verbündete, Großbritannien und die Niederlande, mit Frankreich auf einen Kompromiss ohne Karls Zustimmung, der in dieser Frage ohne Einfluss blieb. Das Resultat dieser Verhandlungen musste Karl im Frieden von Rastatt 1714, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendete, schließlich akzeptieren.

Demnach gingen die Krone Spaniens und die Herrschaft über die überseeischen Kolonien an Phillip von Anjou, während Karl einige ehemals spanische Territorien in Italien (die Königreiche Neapel und Sardinien sowie das Herzogtum Mailand) und die Spanischen Niederlande (sie entsprachen in etwa dem heutigen Belgien und Luxemburg) zugesprochen erhielt.

Der „Spanische Traum“, also eine Wiederherstellung des weltumspannenden Reiches Karls V., blieb bei seinem gleichnamigen Nachkommen lebendig. Karl VI. war zeitlebens vom Gedanken beseelt, rechtmäßiger Herrscher des Spanischen Reiches zu sein – ein Anspruch, der in Propaganda und Kunst am Wiener Hof ungeachtet der Realität hochgehalten wurde. 

Martin Mutschlechner