1741–1790

Joseph II.: Reformkaiser oder aufgeklärter Despot?

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Joseph II. entwickelte einen an Fanatismus grenzenden Idealismus für das allgemeine Wohl, wobei er sich oft bei den Mitteln vergriff.  Viele seiner Maßnahmen wurden von denen, zu deren Wohl sie gedacht waren, als Tyrannei empfunden.

„Im Innersten überzeugt von der Integrität meiner Absichten, habe ich die Kraft zu hoffen, dass nach meinem Tode die Nachwelt günstiger, unparteiischer und folglich gerechter als meine Zeitgenossen über meine Taten denken und meine Ziele prüfen wird.“

Joseph II. an Staatskanzler Kaunitz. 

Der Bauern Gott, der Bürger Not, des Adels Spott liegt auf den Tod“  

Spottvers anlässlich des Todes Josephs II. 

Erst nach dem Tod Maria Theresias 1780 wurde Joseph zum Alleinherrscher. Nun folgte eine umso raschere Umsetzung der lang gehegten Pläne. In seinen verbleibenden zehn Lebensjahren setzte er mit enormer Energie ein ebenso umfangreiches wie radikales Reformprogramm um. Er ging dabei oft zu überstürzt und ohne Rücksicht auf die Stimmung im Volk vor.

Hier sollen nun die wichtigsten Reformen kurz skizziert werden.

Das Toleranzpatent von 1781, gefolgt von weiteren Erlässen betreffend die Religionsfreiheit, verbesserte die Stellung der Protestanten, orthodoxen Christen und Juden. Es kam zu einer schrittweisen Aufhebung der Beschränkungen bezüglich Glaubensausübung, Wohnort und Bewegungsfreiheit. Joseph ließ die Universitäten und das Gewerbe für Nichtkatholiken öffnen. Er handelte hier weniger als Menschenfreund denn aus rationellem Nützlichkeitsdenken. Diese Bevölkerungsgruppen sollten nicht aus konfessionellen Gründen ausgeschlossen bleiben und zum Wohlergehen des Staates beitragen.

Bei all dem blieb der Primat des Katholizismus unangetastet. Nichtkatholiken waren weiterhin Bürger zweiter Klasse. So durften zwar nichtkatholische Gemeinden und Gotteshäuser errichtet werden, diese durften jedoch baulich nicht von der Straße aus sichtbar sein. Dennoch galt Joseph vor allem unter den Juden als großer Befreier. Er stand am Anfang der jüdischen Emanzipation und des Aufstieges des jüdischen Bürgertums zu einer der tragenden Säulen des Kultur- und Wirtschaftslebens der Habsburgermonarchie.

Ein weiteres, heftig diskutiertes Thema war die Kirchenreform. Hier sorgten vor allem die Klosteraufhebungen für Aufsehen. Alle kirchlichen Institutionen, die sich nur dem kontemplativen Leben widmeten und keiner für die Allgemeinheit nützlichen Tätigkeit (wie Schulwesen, Krankenpflege, Seelsorge) nachgingen, wurden geschlossen. Betroffen war ungefähr ein Drittel aller damals bestehenden Klöster. Aus deren Vermögen erfolgte die Schaffung des Religionsfonds, aus dem neue Pfarren dotiert werden sollten. Denn aufgrund der Diözesan- und Pfarrregulierungen kam es zur Gründung Hunderter neuer Pfarren, um ein einheitliches Netz von Pfarrgemeinden zu gewährleisten. Entsprechend wurden auch die Grenzen der Bistümer geändert bzw. neue Bistümer geschaffen.

All diese Maßnahmen erfolgten unter der Prämisse, die Kirche stärker an den Staat zu binden. Päpstliche Anordnungen mussten zuerst von staatlichen Gremien genehmigt werden, die Priesterausbildung konnte nun ausschließlich in staatlich geführten Generalseminaren erfolgen. Die Weltpriester wurden so zum verlängerten Arm der Staatsgewalt und daher als „Beamte im Schwarzen Rock“ bezeichnet.

Die Josephinische Kirchenreform traf auf einige Widerstände. Der durch und durch rationale Zugang des Reformkatholizismus, der sich in der Schließung von Kirchen und Klöstern, der Vereinfachung des kirchlichen Zeremoniells, der Abschaffung von Wallfahrten, Feiertagen und anderen Formen der Volksfrömmigkeit manifestierte, traf die zumeist noch tief in einem traditionellen Umfeld verankerte einfache Bevölkerung hart und blieb unverstanden. Widerstand kam auch aus weiten Teilen des Klerus. Nur eine Minderheit unterstützte diese Maßnahmen. Selbst die 1782 erfolgte Reise von Papst Pius VI. nach Wien, um den Kaiser umzustimmen, änderte Josephs Kirchenpolitik nicht.

Eine weitere Ebene der Reformtätigkeit Kaiser Josephs II. betraf die Schaffung einer Bürgergesellschaft. Joseph verfügte die Abschaffung der Zensur, was ein Aufblühen der literarischen Produktion, aber auch eine Flut von Polemiken nach sich zog. Der Kaiser  ermunterte die Öffentlichkeit geradezu zur Kritik und nahm auch seine eigene Person nicht davon aus.

Nach westeuropäischem Vorbild betrieb Joseph auch den systematischen Ausbau von Wohlfahrtseinrichtungen. Hier ist an erster Stelle die Gründung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien (1784) zu nennen, damals das modernste Spital Europas. Weitere Maßnahmen zur Hebung des fachlichen Niveaus der Ärzteschaft führten zu einer ersten Blüte der Wiener Medizinischen Schule, die im 19. Jahrhundert Weltgeltung erlangen sollte.

Eine Vielzahl von Wirtschaftsreformen führte zu einem Aufschwung von Handel und Gewerbe. In der Folge entstand ein wirtschaftlich starkes und selbstbewusstes Bürgertum, das sich erstmals aus der feudalen Umklammerung lösen konnte. Wien  erlebte eine kulturelle Blüte – ein Beispiel dafür ist das Wirken Mozarts, der als freischaffender Künstler in Wien leben konnte, da das überaus aktive Konzertwesen der Stadt nun nicht mehr ausschließlich in den Händen des Hofes und des Adels lag.

Ein wichtiges Erbe der Josephinischen Epoche ist der österreichische Beamtenstaat. Der Aufbau einer leistungsstarken Staatsbürokratie begann bereits unter Maria Theresia, die die Insuffizienz des veralteten Systems der ständischen Verwaltung erkannte. Der Staat sollte Mechanismen zur Verfügung haben, um bis auf jeden einzelnen Untertanen als Steuerzahler oder Soldat zugreifen zu können. Was heute als selbstverständlich gilt, war damals ein Novum, denn bisher lag die lokale Verwaltung in den Händen der Stände und der feudalen Grundherren. Der ideale Beamte aus der Sicht Josephs war Teil einer gemäß den präzisen Vorgaben der Gesetzeslage selbstlos und vorurteilsfrei arbeitenden Verwaltungsmaschinerie. Das Ethos des österreichischen Beamtentums entstand, das gemeinsam mit der Armee die Hauptstütze der Monarchie bis zu deren Untergang bilden sollte.

Josephs Verständnis des perfekten Staates zielte auf einen zentralisierten Gesamtstaat ab, der ein einheitlicher Verband von Bürgern sein sollte. In diesem Sinne wurden  Sondergerichte und die Privilegien des Adels vor Gericht abgeschafft.

Weitreichend waren auch die Reformen, die die ländliche Gesellschaft betrafen. Die Monarchie war immer noch zum überwiegenden Teil ein Agrarstaat, der Großteil der Bevölkerung lebte in archaischen Verhältnissen, unfrei und beschränkt durch feudale Vorrechte. Dank der Aufhebung der Leibeigenschaft 1781war nun der erniedrigende Status der persönlichen Unfreiheit, die in manchen Teilen der Monarchie unter der Landbevölkerung noch existierte, abgeschafft. Jedoch scheute man vor einer völligen Aufhebung der Grundherrschaft zurück (diese erfolgte erst 1848). Die Bauern waren weiterhin Untertanen der adeligen und kirchlichen Grundherren.

Etliche Eingriffe in die grundherrschaftlichen Rechtsverhältnisse und die Einführung fixer Steuersätze führten zu einer Einschränkung der Abgaben und Robotleistungen. Erstmals wurde auch der adelige Landbesitz der Grundsteuer unterworfen.

Viele Bestimmungen trafen auf erbitterten Widerstand. In Ungarn und in den Niederlanden stand man knapp vor einem offenen Aufstand. Nicht nur verstockte Traditionalisten sahen sich durch die Flut von Reformmaßnahmen, die von Wien aus dekretiert wurden, bedroht und traten gegen die als Willkür empfundenen und unsensiblen Vereinheitlichungstendenzen auf.

Die Reaktion auf den von Joseph forcierten Zentralismus stellte den Funken zur Bildung eines modernen Nationalbewusstseins auf dem Gebiet des Vielvölkerstaates dar. Als Beispiel sei hier die Intention Josephs genannt, Deutsch als alleinige Verwaltungs- und Verkehrssprache zu etablieren, wobei der Kaiser hier nicht im Sinne eines deutschnationalen Kulturimperialismus handelte, sondern aus Gründen der vereinfachten Verwaltung. Es kam in Reaktion darauf zu einer Wiederbesinnung auf lokale Sprachen und zu einem Anstoß für die landeskundliche Erforschung der Kronländer.

Gesundheitlich schwer angeschlagen und aufgrund seines enormen Arbeitspensums verausgabt, musste Joseph am Ende seines Lebens erkennen, dass seine Bemühungen größtenteils gescheitert waren. Auf dem Totenbett sah sich der Kaiser gezwungen, zahlreiche Maßnahmen zu widerrufen. Er stand vor den Trümmern seiner Regentschaft, als er im Alter von 49 Jahren am 20. Februar 1790 in Wien starb. 

Martin Mutschlechner