1741–1790

Joseph II. in der Wahrnehmung durch die Nachwelt

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Die Einschätzung Josephs II. und seines Reformwerks war schon immer zwiespältig. Schon zu Lebzeiten traf er auf zum Teil heftige Ablehnung traditioneller Eliten. Die Vertreter der Aufklärung hingegen sahen in ihm die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft.

Die anfängliche Popularität des jungen Mitregenten, in den europaweit große Hoffnungen gesetzt wurden, schwand mit dem Fortschreiten seiner radikalen Reformmaßnahmen. Bei seinem Tod lag sein Werk in Trümmern, und sein tragisches Scheitern wurde offenbar.

Von den folgenden Generationen wurde sein Wirken jedoch angesichts der repressiven Maßnahmen der österreichischen Staatsführung gegen das Gedankengut, das durch die Französische Revolution durch Europa getragen wurde, zunehmend positiv gesehen. Es entwickelte sich ein regelrechter Denkmalkult. Das bedeutendste Monument für den Kaiser wurde 1807 am Wiener Josefsplatz enthüllt.

Die Wiedereinführung der Zensur, die jegliche freie Meinungsäußerung verbot, ließ das lebendige Zeitungswesen und die prosperierende Literaturproduktion der josephinischen Ära ersterben. Der starke Beamtenapparat und die Entmündigung des Volkes durch obrigkeitliche Maßnahmen – obwohl in seiner Grundform bereits von Joseph eingeführt – pervertierten sich unter Josephs Neffen Franz II./I. zum Metternich‘schen Polizeistaat.

Die Idee des Staatskirchentums, das eine starke Kontrolle der Kirche durch den Staat zur Folge hatte, blieb bis zu Franz Joseph und dem Konkordat von 1855 bestehen. Die Verdrängung des Einflusses der Kirche auf Familienrecht und Unterricht, das Ideal der liberalen Kräfte, musste erst mühsam wieder erkämpft werden.

Was von den Reformmaßnahmen Josephs blieb, ist die Aufhebung der Leibeigenschaft. Hier wurde Joseph tatsächlich zum verehrten Volkskaiser. Davon zeugt auch die weite Verbreitung des Bildes vom pflügenden Kaiser: Bei einer seiner Reisen durch Mähren pflügte der Kaiser 1765 als Zeichen seiner Verbundenheit mit dem Bauernstand eigenhändig auf einem Feld in der Nähe von Brünn. Es war dies eine gelungene PR-Maßnahme, die ihn zum Idol der Bauernschaft werden ließ.

Auf Joseph berief sich in der Zeit der Nationalitätenkonflikte im Vielvölkerstaat auch der Deutschnationalismus. Hier glaubte man in den zentralistischen Vereinheitlichungstendenzen der josephinischen Ära und der damit verbundenen Stärkung der Rolle der deutschen Sprache und Kultur eine Bestätigung für die Forderung nach einem Primat des Deutschtums in der Monarchie gefunden zu haben.

Weitere Bereiche, die in der Gestalt des Reformkaisers ein Vorbild sahen, waren das Beamtentum und das Militär. Joseph diente hier stets als Referenzfigur bei der Forderung nach einem straff zentralistisch geführten Staats- und Armeeapparat. Hier kam es zu einer Verherrlichung Josephs bei Ausblendung der durchaus despotischen Züge seines Reformwerkes.

Martin Mutschlechner