1741–1790

Joseph, der Zweite im Bunde

Druckversion

Nach dem plötzlichen Tod ihres Gatten Franz Stephan von Lothringen 1765 ernannte Maria Theresia ihren ältesten Sohn Joseph zum Mitregenten. Die fünfzehn Jahre der gemeinsamen Regentschaft waren von einem komplizierten Mutter-Sohn-Verhältnis überschattet.

Bereits 1764 war der Kronprinz in Frankfurt noch zu Lebzeiten des Vaters zu dessen Nachfolger gewählt und zum römischen König gekrönt worden. Joseph, der sich ganz der Vernunft und Rationalität verschrieben hatte, sah sich selbst als Fremdkörper im archaischen Zeremoniell der Krönungsfeierlichkeiten.

Die gemeinsame Regentschaft von Mutter und Sohn in den Jahren 1765 bis 1780 stellte eine eigenartige Konstellation dar, wie sie davor am Wiener Hof noch nie bestanden hatte. Maria Theresia blieb als Witwe Regentin der Habsburgermonarchie. Zwar hatte sie tief getroffen vom Tod ihres Gatten zunächst verlautbart, dass sie sich ganz aus der Welt zurückziehen wolle. Bald jedoch revidierte sie ihr Vorhaben.

Joseph war zwar Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, was aber damals nur mehr eine Art Ehrentitel ohne große Machtbefugnisse war. Im Habsburgerreich war er sehr zu seinem Leidwesen jedoch nur Mitregent, also „Juniorpartner“ seiner Mutter, die das Ruder fest in ihrer Hand behielt.

Ständige Meinungsverschiedenheiten lähmten die Zusammenarbeit der beiden. Ein Generationenkonflikt wurde hier verstärkt durch das Zusammentreffen zweier  schwieriger Charaktere: eine dominante Mutter stand ihrem ehrgeizigen Sohn gegenüber. Die Jahre der Mitregentschaft Josephs waren eine Abfolge von Auseinandersetzungen und Versöhnungen – nicht nur einmal bot Joseph seine Demission an, die aber von Maria Theresia nie akzeptiert wurde.

Als Mitregent blieben Joseph die Hände gebunden. Maria Theresia bremste den Reformeifer des Sohnes, da sie ihre mühsam aufgebaute Herrschaft über ihr vielfältiges Reich in Gefahr sah. Die alternde Kaiserin-Witwe, deren Ansichten immer stärker von einem alles durchdringenden Pessimismus verdunkelt wurden, hatte die Energie ihrer Anfangsjahre eingebüßt: Sie sah ihre Aufgabe in der Rolle einer Bewahrerin und war strikt gegen überstürzte Änderungen.

Joseph war also als Mitregent nur beschränkt handlungsfähig und musste sein Wirken auf eine eher symbolische Ebene konzentrieren. Er setzte Zeichen wie die von ihm angeordnete Vereinfachung des Hofzeremoniells  (Abschaffung des Spanischen Mantelkleides und Zulassung der Uniform) oder die Öffnung der kaiserlichen Gärten (Schönbrunn, Augarten, Prater) für die Öffentlichkeit. Eine der wichtigsten Maßnahmen dieser Zeit war die Umwandlung des „Hoftheaters nächst der Burg“ zum „Deutschen Nationaltheater“ 1776. Die Führung des Burgtheaters war nun Chefsache, Joseph griff persönlich in den Betrieb ein. Die ehemalige Vergnügungsstätte des Hofes wandelte sich nun in eine Erziehungsinstitution für Staatsbürger. 

Martin Mutschlechner