1741–1790

Die Reisen des Grafen von Falkenstein

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Auf seinen zahlreichen Reisen war Kaiser Joseph II. als Graf von Falkenstein unterwegs. Er ersparte sich dadurch aufwendige Zeremonien. Sein Deckname war aber auch das europaweit bekannte Markenzeichen des Verfechters von Vernunft und Rationalismus, der den Kaiserthron mit der Reisekutsche tauschte.

Der Titel eines Grafen von Falkenstein war Teil des lothringischen Erbes nach Franz Stephan. Die kleine Grafschaft, im heutigen Bundesland Rheinland-Pfalz gelegen, blieb als einziges Gebiet der Stammlande Franz Stephans nach der Abtretung Lothringens an Frankreich unter seiner Herrschaft. Joseph II. wählte diesen unscheinbaren Titel, um sich die Umstände einer materiell wie zeitlich aufwendigen offiziellen Hofreise als Kaiser zu ersparen. Obwohl jedermann wusste, welche hohe Persönlichkeit sich hinter diesem Pseudonym verbarg, ermöglichte dies Joseph mehr Bewegungsfreiheit.

Die unglaubliche Reisetätigkeit Josephs – er verbrachte mehr als ein Drittel seiner Regentschaft auf Reisen – entsprang nicht zuletzt dem Wunsch, dem Umfeld der Mutter zu entkommen. Dass der Herrscher sein Reich bereist, um sich persönlich Einblick zu verschaffen, war ein Novum. Die Reisen Josephs waren keine Hof- oder Lustreisen, sondern Inspektionsfahrten, denen sogleich Maßnahmen zur Verbesserung der Situation folgten. 

Die erste Reise 1766 ging nach Böhmen, wo Joseph II. Festungsanlagen und Armeestützpunkte inspizierte, die als Reaktion auf die preussischen Angriffe errichtet wurden. Der Kaiser besuchte dabei auch demonstrativ die Schlachtfelder des Siebenjährigen Krieges. Die kaiserlichen Besuche in den Böhmischen Ländern sollten sich in den folgenden Jahren häufen: Joseph II. hat die Länder der Wenzelskrone öfter bereist als alle anderen Kronländer. Dabei standen aber nicht nur militärische Aspekte im Vordergrund, sondern er widmete sich auch ökonomischen und sozialen Problemen.

Eine weitere Reise unternahm Joseph 1768 nach Ungarn. Diese Reise führte den Kaiser bis an die Grenze zum Osmanischen Reich – noch nie hatte ein Habsburger diese entfernten Winkel des Reiches persönlich in Augenschein genommen.

1769 reiste Joseph nach Italien. In Rom tagte zu diesem Zeitpunkt gerade das päpstliche Konklave zur Wahl eines neuen Oberhauptes der katholischen Kirche. Auch hier tat er etwas vorher noch nie Dagewesenes: Der Habsburger betrat – obwohl für Laien verboten – zusammen mit seinem Bruder Leopold das Konklave und gab eine eindeutige Präferenz für seinen Wunschkandidaten ab. Es war dies Kardinal Ganganelli, ein Gegner der Jesuiten, der dann auch als Papst Klemens XIV. gewählt wurde.

Im selben Jahr bereiste er auch Schlesien, diejenige Provinz, die Maria Theresia an Preußen abtreten musste, was sie nie ganz überwunden hatte. Es kam hier zu einem Zusammentreffen mit Friedrich dem Großen. Joseph hegte seit seinen Jugendtagen eine Bewunderung für den genialen Feldherrn, was die Mutter schockierte. Joseph sah im Erzfeind seiner Mutter das Vorbild des soldatischen Herrschers schlechthin. Er folgte dem Beispiel des Preußenkönigs und zeigte sich ebenfalls ausschließlich in Uniform.  Die Militäruniform wurde nun hoffähig, was das soldatische Element am Hof stärkte.

Nach weiteren Fahrten in verschiedene Teile des Reiches (1770 Ungarn, Mähren und Böhmen; 1773 Siebenbürgen und Galizien) folgte 1777 eine Reise nach Frankreich, die in einem Aufenthalt in Paris gipfelte und europaweit für Aufsehen sorgte.

Diese Reise glich einer PR-Kampagne: Joseph gab sich ganz dem Zeitgeist entsprechend als moderner aufgeklärter Monarch. Er stieg in einfachen Herbergen ab und reiste mit kleinem Gefolge. Er inszenierte sich somit als positives Gegenstück zu Ludwig XVI. und der von Verschwendung und Dekadenz geprägten Versailler Hofgesellschaft. Der Habsburger wusste auch den Franzosen zu schmeicheln, indem er das intellektuelle Leben von Paris ausgiebig lobte. Er setzte auch Zeichen eines neuen Verständnisses eines Monarchen als Neuerer, indem er anstatt höfischer Vergnügungen Fabriken, Krankenhäusern und kulturelle Institutionen besuchte. 

Am Rückweg über die Schweiz wurde auch allgemein ein Treffen mit Voltaire erwartet, was einen Höhepunkt der Imagepflege Josephs als „Kaiser der Vernunft“ dargestellt hätte. Voltaire, der als führender Vertreter der Aufklärung für seine beißende Kritik an Kirche und Gesellschaft berüchtigt war, wohnte im Exil in der Nähe von Genf. Trotz der hohen Erwartungshaltung kam es jedoch nicht dazu. Im letzten Moment gab der Kaiser den Befehl weiterzufahren und begründete dies mit der Aussage, er bevorzuge Dichter, die auch Christen sind.

Eine weitere Reise, die Folgen für die europäische Geschichte hatte, führte 1787 nach Russland, wo er auf der Halbinsel Krim mit Zarin Katharina II. zusammentraf. Hier wurde ein Einverständnis erzielt, in einer Allianz gemeinsam gegen das Osmanische Reich aufzutreten, was in der Folge zum letzten Türkenkrieg führte. 

Martin Mutschlechner