1278–1918

Die Präsidentschaftskanzlei und der lange Schatten des Doppeladlers

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Auch nach dem Ende der Monarchie blieb Österreichs imperiale Vergangenheit präsent: In der Wiener Hofburg besitzt die Republik ein eindrucksvolles Zeugnis habsburgischer Macht, ein Erbe, dem man mit durchaus gemischten Gefühlen gegenüber steht. Wo einst die allerhöchsten Majestäten residierten, amtiert heute der österreichische Bundespräsident.

Aus einem Brief Staatskanzlers Karl Renner an Staatssekretär Julius Raab vom 2. November 1945 betreffend die Wahl des Amtssitzes des zukünftigen österreichischen Staatsoberhauptes:

Mir scheinen persönlich hiefür am geeignetsten Räumlichkeiten in der Hofburg zu sein, die zweifellos durch die Unterbringung des Staatsoberhauptes eine entsprechende Ausnutzung erfahren würden.

Zitiert nach: Langer, Marcus: Die Präsidentschaftskanzlei im Leopoldinischen Trakt der Wiener Hofburg; In: Kurdiovsky, Richard (Hrsg.): Die österreichische Präsidentschaftskanzlei in der Wiener Hofburg, Wien 2008, 120-133, hier 123.

Die Wiener Hofburg war sicherlich die bedeutendste Residenz der Habsburger in ihrer Funktion als österreichische Landesfürsten, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und zuletzt als Kaiser von Österreich. Eine Kontinuität als Sitz des Staatsoberhauptes der Republik Österreich erscheint daher legitim.

Doch die junge Republik Österreich war zunächst anderer Meinung: Angesichts der unübersehbaren Embleme und Symbole gerade erst überwundener habsburgischer Macht scheute man sich, die Stellung der Hofburg als ideelles Zentrum des in seinem Selbstverständnis noch wenig gefestigten Staates fortzuführen. Daher wählten die österreichischen Bundespräsidenten der Ersten Republik ihren Amtssitz in einem Trakt des Bundeskanzleramtes am Ballhausplatz.

Das nach dem Zweiten Weltkrieg wiedererstandene Österreich hatte bereits ein etwas entspannteres Verhältnis zur monarchischen Geschichte des Landes: Das imperiale Erbe wurde als positiver Gegenentwurf zu den nationalsozialistischen Verstrickungen der unmittelbaren Vergangenheit verwendet.

Da die alte Präsidentschaftskanzlei im Kanzleramt durch einen Bombentreffer unbenützbar geworden war, suchte der provisorische Staatskanzler Karl Renner einen geeigneten Ort für den Amtssitz des erst zu bestimmenden Bundespräsidenten und der Präsidentschaftskanzlei. Mehrere historische Gebäude standen zur Auswahl; schließlich wählte man das ehemalige Zeremonialappartement im Leopoldinischen Trakt der Hofburg als dem Staatsoberhaupt angemessene Amtsräume.

Es waren jedoch noch einige Schwierigkeiten zu beseitigen: Zuerst musste man das Verfügungsrecht über die Räumlichkeiten erhalten, denn Teile davon wurden von der Roten Armee genutzt. Weiters mussten Veränderungen aus der NS-Zeit, wo man die Räume für ein geplantes „Schlossmuseum“ adaptiert hatte, beseitigt werden – es galt, den „Zustand vor 1938“ wiederherzustellen. Schließlich zog Renner als gewählter Bundespräsident Ende 1946 in die neue Präsidentschaftskanzlei ein.

Diese sicherlich historisch bedeutendste Raumfolge der Hofburg ist in der Regel für Besucher nicht zugänglich. Ihr zeremonielles Herzstück ist damals wie heute das einst als „Reiches Zimmer“ bezeichnete ehemalige Schlafzimmer Maria Theresias, das vom republikanischen ‚Ersatzkaiser‘ nun für Empfänge und Angelobungen genutzt wird.

Martin Mutschlechner