1678–1711

Joseph I.: Die Nachwuchshoffnung

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Joseph I. wuchs in eine Zeit der Aufbruchsstimmung hinein: Nach der Niederlage des türkischen Belagerungsheeres vor Wien 1683 ging die Habsburgermonarchie nun in die Offensive. An der Donau wuchs eine neue Großmacht heran: Das Haus Habsburg durchlebte sein „Heldenzeitalter“.

Seine Jugendjahre waren geprägt von einer Serie von Kriegen, aus denen die Armeen seines Vaters zum Großteil siegreich hervorgingen. Die Siege über das Osmanische Reich gaben der Dynastie neues Selbstbewusstsein: der seit Generationen andauernde Konflikt mit der Hohen Pforte um die Vormachtstellung im mitteleuropäischen Donauraum wurde nun endgültig zugunsten der Habsburger entschieden.

Joseph war der erstgeborene Sohn Kaiser Leopolds I. und dessen dritter Gemahlin, Eleonore Magdalena von Pfalz-Neuburg. Leopold begann früh, seinen älteren Sohn, der sich prächtig entwickelte, als seinen strahlenden Nachfolger aufzubauen. 1687, im Alter von nur neun Jahren, wurde der Prinz zum König von Ungarn gekrönt. Leopold nützte die Erfolge im Krieg gegen die Osmanen: Erst 1686 konnte die alte Königsstadt Buda von Leopolds Truppen erobert und somit die habsburgische Herrschaft in Ungarn in den Augen der ungarischen Stände eindrucksvoll bestätigt werden. Drei Jahre später wurde Joseph auch von den Kurfürsten mit dem Titel eines Römischen Königs als Nachfolger seines Vaters noch zu dessen Lebzeiten angenommen.

Joseph entsprach schon äußerlich der nicht dem Habsburger-Typus: Die klassischen erblichen physiognomischen Merkmale, die in der Dynastie gehäuft auftraten, wie ein massiver Vorbiss und ein deformiertes Kiefer, das sich in der dicken „Habsburgerlippe“ manifestierte, waren bei ihm nicht vorhanden. Der Kronprinz wurde als außergewöhnlich gut aussehend beschrieben. Auch seine Persönlichkeit unterschied sich deutlich von der seiner Vorgänger: Joseph verfügt über ein selbstbewussteres, „weltlicheres“ Auftreten als seine tief religiösen, zum Teil bigotten Vorgänger, die ihre Person bescheiden hinter dem kaiserlichen Amt versteckten. Sehr zum Leidwesen seiner glaubensstrengen Eltern entwickelte er einen ausgeprägten Hang für erotische Abenteuer und andere Eskapaden. 

Martin Mutschlechner