1793–1875

Ferdinand: Die kaiserliche Marionette

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Nach dem Tod des Vaters 1835 bestieg Ferdinand den Thron, war aber de facto nur eine Marionette, gelenkt von den Mitgliedern des Staatsrates. Dies war ein Gremium von Mitgliedern der Dynastie und führender Politiker, die für den den Aufgaben der Regentschaft nicht gewachsenen Kaiser die Regierungsgeschäfte führte.

 

„Gott segne Dich, sei nur brav, Gott wird Dich schützen, es ist gern geschehen!“ 

Ferdinands letzte Worte bei seiner Abdankung zugunsten seines Neffen 1848.

 

„Na, des hätt’ i a noch z’sammbracht!“ 

Ferdinands Reaktion auf den katastrophalen Misserfolg der Armee seines Neffen Franz Joseph in der Schlacht von Königgrätz 1866.

Angesichts der zu erwartenden Kinderlosigkeit Ferdinands wurde 1839 das sogenannte Familienstatut erlassen, das die Thronfolge in Zukunft regeln sollte. Die darin enthaltenen Bestimmungen waren als habsburgisches Hausgesetz bis 1918 in Kraft.

Die Regierungszeit Ferdinands fällt in die Zeit des Vormärz, in der unter einer Oberfläche von Ruhe und Ordnung die massiven Missstände sozialer und politischer Natur brodelten. Die Regierung verfolgte eine Politik, die von geistlosem Konservatismus geprägt war, in dem jegliche Äußerungen des Unmuts von seiten der Bevölkerung mit Gewalt im Keim erstickt wurden.

Als unrühmliches Ereignis aus der Regentschaft Ferdinands sei die militärische Annexion der Republik Krakau erwähnt. Der alten polnischen Metropole Krakau wurde 1815 von den Mächten Europas die Existenz als Stadtstaat unter dem gemeinsamen Protektorat Österreichs, Preußens und Russlands zugebilligt. Als Reaktion auf den polnischen Aufstand in Galizien 1846, bei dem die „Freie Stadt“ Krakau in den Augen der Großmächte als ein Hort des Widerstandes gegen die Besetzung Polens galt, wurde Krakau unter der Zustimmung der konservativen Mächte Preußen und Russland der österreichischen Monarchie einverleibt. Während dieses Aufstandes der um die Wiederherstellung ihres geteilten Landes kämpfenden Polen machte sich die habsburgische Verwaltung in perfider Weise gemäß dem Grundsatz „Teile und herrsche!“die nationalen Spannungen zwischen den Polen und Ruthenen zunutze. 

Als Auswuchs der bedingungslosen Treue zur katholischen Religion sei die letzte Vertreibung von Protestanten in Österreich, die 1837 im Zillertal durchgeführt wurde, erwähnt.

Die Zeit der gewaltsam aufrecht erhaltenen Ruhe endete 1848. Beginnend in den italienischen Provinzen breiteten sich Aufstände in allen größeren Städten des Reiches aus. Die mit der Situation unzufriedenen Bürger forderten eine umfassende Reform des Staatswesens und die Einführung einer Konstitution zur Sicherung der Rechte und der politischen Mitsprache der Staatsbürger.

Ferdinands Regierung reagierte zum Teil mit Gewalt, zum Teil aber auch mit zögerlichen Zugeständnissen: so wurde die Pressefreiheit gewährt und das verhasste Symbol der Unterdrückung, der greise Staatskanzler Metternich, entlassen.

Ferdinand selbst erfreute sich aufgrund seiner persönlichen Gutmütigkeit und naiven Freundlichkeit anfänglich großer Beliebtheit. Da die Zugeständnisse der Regierung jedoch nur halbherzig waren, und der Druck der Reformkräfte immer größer wurde, blieb die Möglichkeit einer friedlichen Lösung des Konflikts ungenützt. Im Mai wurde die Lage in Wien für die kaiserliche Familie immer gefährlicher, sodass man zunächst nach Innsbruck auswich – die Flucht nach Tirol wurde dem stur an seinem Thron festhaltenden Monarchen von seiner Umgebung als reine Spazierfahrt schmackhaft gemacht.

Im September 1848 eskalierte die Lage vollends. In Ungarn wütete der Unabhängigkeitskrieg gegen die Herrschaft der Habsburger. In Wien wurde das Zeughaus gestürmt und Kriegsminister Latour von einer aufgebrachten Menge gelyncht. Ferdinand, der den Ernst der Lage nicht begriff, soll, als die Revolution in Wien ausbrach, auf die Meldung, dass sich die Menschen zu bewaffnen begannen, gemeint haben: „Ja, dürfen’s denn das?“  

Die kaiserliche Familie floh ins mährische Olmütz, im nahen Kremsier trat am 22. November der Reichstag zusammen, dessen Abgeordnete eine Verfassung für das österreichische Staatswesen ausarbeiten sollten. Kurz danach trat Ferdinand am 2. Dezember auf Drängen seiner Umgebung zurück und verzichtete zugunsten seines Neffen Franz Joseph auf den Thron.

Der entmachtete Exkaiser zog sich daraufhin nach Böhmen zurück, wo er auf der Prager Burg und auf seinen weitläufigen Gütern, von der örtlichen Bevölkerung hoch verehrt, seinen Lebensabend verbrachte. Dem Rampenlicht der Öffentlichkeit entkommen, besserte sich sein Zustand und er entwickelte großes Geschick in der Mehrung seines Privatvermögens, da er vorausschauend zwar auf die Macht, aber nicht auf das materielle Erbe seines Vaters verzichtet hatte. Als „reicher Onkel“ unterstützte er seinen jungen Neffen und Nachfolger Franz Joseph finanziell.

Ferdinand starb hochbetagt im 83. Lebensjahr am 29. Juni 1875 in Prag. Er ist in der Wiener Kapuzinergruft begraben.

Martin Mutschlechner