1863–1914

Erzherzog Franz Ferdinand – Der Thronfolger

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Nach dem Selbstmord Kronprinz Rudolfs 1889 galt Franz Ferdinand als präsumtiver Nachfolger Kaiser Franz Josephs. Zwischen Onkel und Neffen bestand ein überaus schwieriges Verhältnis.

Erzherzog Franz Ferdinand wurde am 18. Dezember 1863 in Graz als ältester Sohn von Erzherzog Karl Ludwig, einem jüngeren Bruder Kaiser Franz Josephs, und dessen zweiter Gemahlin, Maria Annuniziata von Neapel-Sizilien (genannt „Ciolla“; 1843–1871), einer Tochter von König Ferdinand II. von Neapel-Sizilien aus dem Haus Bourbon und Erzherzogin Maria Theresia, geboren. Maria Annunziata war eine Enkelin von Feldmarschall Erzherzog Karl und somit mütterlicherseits eine halbe Habsburgerin. Die kränkliche, an Epilepsie leidende Mutter Franz Ferdinands verstarb jung an einem Lungenleiden.

Franz Ferdinand genoss eine streng katholische Erziehung, denn sein Vater Karl Ludwig galt als extrem konservativ und der katholischen Kirche treu ergeben. Der Erzherzog durchlief eine für männliche Mitglieder der Dynastie im 19. Jahrhundert typische militärische Laufbahn.

Seit dem Selbstmord Kronprinz Rudolfs 1889 galt Franz Ferdinand als voraussichtlicher Nachfolger seines Onkels Franz Josephs, obwohl er erst 1898 definitiv zum Thronfolger ernannt wurde. Der Grund dafür lag in einem schweren Lungenleiden, das seine Gesundheit derart erschütterte, dass man sich in der Erbfolge nicht festlegen wollte. Erst nach seiner Genesung 1898 wurde Franz Ferdinand offiziell zum Thronfolger und zugleich zum Stellvertreter des alternden Kaisers in militärischen Belangen ernannt. Von der Mitwirkung in der Politik wurde der in der Öffentlichkeit nicht sehr populäre Habsburger jedoch von Franz Joseph systematisch ausgeschlossen. Das Verhältnis zwischen Onkel und Neffen war von gegenseitiger Verständnislosigkeit und Antipathie geprägt.

Franz Ferdinand entwickelte eigenständige Vorstellungen über die Zukunft der Monarchie, die von Historikern zwiespältig beurteilt werden: Positiv gewertet wurden seine Kritik am Dualismus mit der einseitigen Bevorzugung der Deutsch-Österreicher und der Magyaren sowie seine Forderung nach einer stärkeren Einbeziehung der slawischen Nationalitäten.

Negativ gesehen wurde hingegen die Ablehnung einer Föderalisierung der Monarchie: Franz Ferdinand sah in einer Stärkung des Zentralismus und der Bedeutung der Armee die wichtigsten Mittel für eine Festigung habsburgischer Macht gegen die zentrifugalen Kräfte des Nationalismus. Seine außenpolitischen Ziele waren eine verstärkte Zusammenarbeit mit Deutschland und eine Annäherung an Russland zum Zwecke der Schaffung eines Bündnisses der konservativen Monarchien Europas.

Als Generalinspektor der k. u. k. Armee hatte Franz Ferdinand Einblick in die Zustände innerhalb der Armee. Da er von deren Schlagkraft im Ernstfall nicht überzeugt war, trat er für eine gemäßigte Außenpolitik ein und war ein Gegner der überzogenen Expansionspläne auf dem Balkan sowie der aggressiven Kriegspolitik des Generalstabschefs Conrad von Hötzendorf gegen Serbien und Italien, da er die Monarchie nicht als stark genug erachtete. Erstaunlicherweise wurde Franz Ferdinand dennoch in der Presse als Kriegstreiber in den Balkan-Konflikten dargestellt – ein Bild, das auch heute noch verbreitet ist.

Als Generalinspektor der Armee sollte er auch die im Juni 1914 abgehaltenen Manöver in Bosnien leiten. Für den 28. Juni war sein feierlicher Empfang in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo geplant, was von serbischen Nationalisten als Affront gewertet wurde. Der 28. Juni gilt unter der Bezeichnung Vidov Dan (St. Veitstag) als Gedenktag für die Niederlage des mittelalterlichen serbischen Königtums gegen die Osmanen in der Schlacht am Amselfeld.

Nachdem bereits ein Anschlag mit einer Handgranate fehlgeschlagen war, fielen der Thronfolger und seine Gattin schließlich den Schüssen aus der Hand des 19jährigen Gymnasiasten Gavrilo Princip zum Opfer, der zusammen mit einer Gruppe von jungen serbischen Nationalisten den Anschlag geplant hatte. Das Attentat führte in weiterer Folge zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges – ein Konflikt, den Franz Ferdinand zeitlebens zu verhindern gesucht hatte.

Martin Mutschlechner