1863–1914

Franz Ferdinand: Der konservative Erzherzog

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Franz Ferdinands politische Einstellung war von einem engstirnigen Konservatismus geprägt. Der Erzherzog war das Gegenstück zum liberalen Kronprinz Rudolf.

Antidemokratisch und klerikal geprägt, waren für Franz Ferdinand die Moderne, das
 Industriezeitalter und der bürgerliche Parlamentarismus Feindbilder. Der Thronfolger repräsentierte das 
konservative, feudale Österreich.

Franz Ferdinand pflegte einen betont aristokratischen Lebensstil, der seinen Ausdruck in seiner übermäßigen Liebe zur Jagd fand. Die Jagdlust, eine geradezu typisch habsburgische Leidenschaft, war bei ihm fast schon krankhaft ausgeprägt: Franz Ferdinand galt als „schießwütigster“ Habsburger, denn seine mit Akribie geführten Schusslisten verzeichneten 274.511 Stück erlegtes Wild. Seine Schlösser waren überfüllt mit Jagdtrophäen.

Sein bevorzugter Landsitz, Schloss Konopiště in Böhmen, wurde zum Symbol seiner proslawischen politischen Pläne. In Böhmen sehr beliebt, hatte der als ehrgeizig, schwierig, aufbrausend und wenig diplomatisch geltende Erzherzog am Wiener Hof jedoch wenig Rückhalt.

Die konservative Haltung zeigte sich auch im Kunstgeschmack des Thronfolgers: Franz Ferdinand war ein prononcierter Gegner der Frühen Wiener Moderne, die heute als Markenzeichen der Wiener Kunstszene um 1900 gilt. Franz Ferdinand verhinderte erfolgreich Projekte Otto Wagners, z. B. den Neubau des Kriegsministeriums am Stubenring, wo ein üppiger neobarocker Bau des vom Erzherzog favorisierten Architekten Ludwig Baumann heute der Postsparkassa Wagners gegenübersteht. Franz Ferdinand war in Kunstfragen – da Franz Joseph es vermied, sich hier zu positionieren – die prägende Gestalt der Dynastie. Auch die Fertigstellung der Neuen Burg hat der alte Kaiser schließlich an seinen Nachfolger delegiert – was zu einigen Planänderungen führte. Das Mammutprojekt sollte schließlich unvollendet bleiben.

Privat war Franz Ferdinand ein begeisterter Kunstsammler. Er kaufte in großem Stil  Antiquitäten, wobei er wenig Fachwissen hatte und oft von Fälschern betrogen wurde. Seine privaten Schlösser wurden von ihm aufwendig historisierend restauriert und mit einer Überfülle von Kunstobjekten ausgestattet. Franz Ferdinand war als Erbe der italienischen Linie Habsburg-D’Este auch Eigentümer der wertvollen Estensischen Kunstsammlung, die zu den bedeutendsten Europas zählte. Der Thronfolger war wie auch viele Aristokraten seiner Zeit stark im
späten Historismus verankert, während fortschrittliche Gruppen innerhalb des Bürgertums die modernen Strömungen förderten.



Der offizielle Wohnsitz Franz Ferdinands in Wien war das Obere Belvedere, das auf seine Initiative aufwendig restauriert und neobarock ausgestattet wurde. Die prononcierte Förderung dieser Stilrichtung durch Franz Ferdinand war bewusster Ausdruck seines extrem
konservativen Politikverständnisses. Dies entsprach seiner Liebe für das Barock, das in der patriotischen Geschichtsschreibung der Zeit als “Heldenzeitalter” Österreichs galt, und in dem er den klassisch österreichisch-habsburgischen Stil sah.

“Das Belvedere“ wurde auch zum Schlagwort für die “Schattenregierung” des Thronfolgers, der hier politische Getreue um sich versammelte, um für die  Regierungsübernahme beim Tod des alten Kaisers gegen die etablierten Kräfte bei Hof – in der politischen Szene der Zeit unter dem Kürzel “Schönbrunn” bekannt – gerüstet zu sein. 

Martin Mutschlechner