1282–1790

Die Frage nach der Nützlichkeit: Der Klostersturm unter Joseph II.

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Die 'große Zeit' der österreichischen Klöster ging mit den Reformen Josephs II. zu Ende. Der josephinische "Klostersturm" hat dem beschaulichen Leben hinter Klostermauern ein abruptes Ende gesetzt. Beten allein war nicht mehr genug ...

Das Netzwerk der Ordensniederlassungen im Habsburgerreich war mehr als dicht gewebt: Im Jahre 1770 wurden auf dem Gebiet der habsburgischen Monarchie insgesamt 2.163 Klöster mit etwa 45.000 Mönchen und Nonnen gezählt. Darunter waren mittelalterliche Gründungen genauso wie Klöster der Gegenreformation. Neben den großen reichen Stiften mit ihren imposanten Klosteranlagen standen kleine bescheidene Ordenshäuser von nur lokaler Bedeutung.

Unter Joseph II. wurden neue Maßstäbe angelegt: Im Sinne der Aufklärung wurde nun die Frage des Nutzens für die Allgemeinheit gestellt. Nur Klöster, die in der Krankenpflege, im Unterricht oder in der Pfarrseelsorge tätig waren, sollten bestehen bleiben. Für Joseph II. ging es darum, ob Klöster für den Staat einen Vorteil brachten. Ordensgeistliche sollten sich in „nützlichere und Gott wohlgefälligere Bürger des Staates“ verwandeln. Die josephinischen Reformen wollten deshalb die Zahl der „unnützen“ Mönche und Nonnen vermindern und die „nützlichen“ Pfarrer, die durch ihre staatliche Ausbildung auch als „Beamte im schwarzen Rock“ bezeichnet wurden, vermehren.

Mit einem Erlass vom 12. Jänner 1782 begann Joseph mit der Aufhebung von Klöstern beschaulicher Orden, die sich dem rein kontemplativen Leben widmeten und „weder Schule halten, Kranke betreuen, predigen oder den Beichtstuhl versehen, in den Schulen sich hervortun“. Am Beginn standen häufig Frauenklöster, da die meisten Frauenorden die Nonnen zu einem von der Welt abgeschiedenen Leben in strenger Klausur verpflichteten, was dem Nützlichkeitsideal der Aufklärung widersprach.

Ein Jahr später begann der sogenannte „Klostersturm“, die zweite Phase der Aufhebung, der bis 1787 andauerte. Zwischen 700 und 800 Klöster wurden aufgelassen, die Klostergebäude entweder abgerissen oder in Spitäler, Armenhäuser, Kasernen und Fabriken umgewandelt.

Im Gegenzug gründete Joseph aus den Gütern und Besitzungen der aufgehobenen Klöster 1782 den „Religionsfonds“, der die Gehälter für Pfarrer und Kapläne der neu gegründeten Pfarren finanzierte. Im Rahmen der Neuorganisation des Pfarrwesens entstanden über 3.000 neue Pfarren. In Wien wurden 1783 zu den in der inneren Stadt bestehenden drei Pfarren (St. Stephan, St. Michael und Schottenpfarre) weitere fünf  eingerichtet, in den Vorstädten (die heutigen Bezirke 2 – 9) waren es 19 Pfarren. In der Stadt kamen auf 1.000 Seelen je zwei Geistliche, in den Vorstädten auf 700 Seelen ein Priester. Auch auf dem Land sollte ein flächendeckendes Netzwerk von Pfarren entstehen: niemand sollte länger als eine Stunde Fußweg zu seiner Pfarrkirche benötigen.

Josephs Pläne sahen für 1791 eine weitere Aufhebungswelle vor, von der etwa weitere 450 Klöster betroffen sein sollten – diese kam allerdings durch den Tod des Kaisers nicht mehr zustande.

Martin Mutschlechner