1397–1439

Albrecht V.: Regentschaft mit Turbulenzen

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Albrechts Regentschaft fiel in eine unruhige Zeit: Die Autorität der Römischen Kirche war an einem Tiefpunkt angelangt, die Wirren der hussitischen Revolution in Böhmen griffen auf seine Länder über. In den Juden fand Albrecht V. Sündenböcke, an denen sich der Volkszorn abreagieren konnte.

Während Albrechts Regierung war die Situation der Kirche besorgniserregend und das päpstliches Schisma am Höhepunkt. Seit 1409 amtierten drei Päpste gleichzeitig, die Autorität des Papsttums verlor an Bedeutung und die Fürsten begannen die Angelegenheiten der Kirche nach eigenem Gutdünken zu regeln.

Albrecht begann eine Klosterreform mit Schwerpunkt auf den Benediktinerklöstern, den ältesten und reichsten Ordensinstitutionen in seinen Territorien. Ausgehend von der Abtei Melk sollte der ursprüngliche Gedanke von klösterlichem Leben in Gehorsam und Armut wiederhergestellt werden. Die Melker Reform, die unter landesfürstlicher Aufsicht ab 1418 begann, führte zu einem letzten Aufblühen von mönchischem Leben und Kultur vor dem Niedergang im Zuge der Lutherischen Reformation.

Die Krise der Kirche führte im Nachbarland Böhmen zu einer noch stärkeren Erschütterung der kirchlichen Macht. Die radikalen Forderungen nach einer Erneuerung der Kirche, wie sie vom Prager Kleriker und Theologen Jan Hus erhoben wurden, fielen hier auf fruchtbaren Boden. Was als theologischer Streit begonnen hatte, radikalisierte sich nach der Verbrennung des durch das Konzil von Konstanz als Ketzer verurteilten Hus (1415). 1419 brach in Prag ein revolutionärer Volksaufstand aus, der die Verhältnisse völlig veränderte.

Die von religiösen wie auch nationalen Motiven getragene Bewegung  spaltet sich bald  in verschiedene Richtungen auf. Die gemäßigte Linie der Utraquisten fand im Adel und im Stadtbürgertum Unterstützer. Die radikaleren Anhänger der Taboriten, die jegliche weltliche und klerikale Autoritäten ablehnten, forderten die Errichtung eines Gottesstaates. Böhmen versank in Anarchie. Die Macht der Kirche, aber auch die des Königs war völlig ausgehöhlt. Der ohnedies schwache König Wenzel IV. starb an einem Schlaganfall, als man ihm die Nachricht vom Ausbruch der Erhebung in Prag übermittelte. Sein Konkurrent und Halbbruder Sigismund von Luxemburg, seit 1411 Römisch-Deutscher König, versuchte mittels Allianzen mit den Nachbarländern die Herrschaft in Böhmen zu erlangen.

Der österreichische Herzog Albrecht V. gehörte in Fortführung der Politik seines Vaters zum Lager Sigismunds. Bereits 1412 bestätigte Sigismund in seiner Funktion als Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches Albrecht nach der turbulenten Erklärung seiner Großjährigkeit die Regentschaft in Niederösterreich. Zur Bekräftigung der bereits bestehenden Allianz zwischen Sigismund und der Albertinischen Linie wurde dem halbwüchsigen Albrecht die erst zweijährige Tochter Sigismunds, Elisabeth, als zukünftige Gattin versprochen.

Die Allianz zwischen Sigismund und Albrecht wurde 1421 im Vertrag von Pressburg bekräftigt. Albrecht sicherte Sigismund seine militärische Unterstützung zu und erhielt im Gegenzug die Anwartschaft auf das Erbe der Kronen Böhmens und Ungarns im Falle des kinderlosen Todes Sigismunds. Zur Bestätigung des Abkommens fand 1422 die Vermählung Albrechts mit Elisabeth, der einzigen Tochter des Luxemburgers, statt.

Albrecht unterstützte Sigismunds militärische Aktionen gegen den Hussitenaufstand in Böhmen. 1420 rief der Kaiser gar zum Kreuzzug gegen die in den Augen der Kirche ketzerische Bewegung auf. Ein verbündetes Heer aus kaiserlichen Truppen Sigismunds und den Verbänden anderer Reichsfürsten, darunter auch Herzog Albrechts, erlitten wiederholt empfindliche Niederlagen. Albrecht fürchtete eine Ausbreitung der hussitischen Lehren auf seine Länder – 1421 mussten zum Beispiel alle Angehörigen der Wiener Universität schwören, die ketzerischen Lehren zu bekämpfen.

Als Reaktion auf die Strafmaßnahmen des Kaisers kam es zu einer Ausweitung des Konflikts: 1422 überschritten erstmals hussitische Streifscharen die Grenze nach Österreich. Plündernd fielen sie in das nördliche Niederösterreich ein. Es folgen mehrere Wellen von Kämpfen beiderseits der böhmisch-mährisch-österreichischen Grenzen, die großflächige Zerstörungen mit sich brachten.

Als Reaktion begann Albrecht eine Reorganisation der Landesverteidigung. Unter anderem wurden Nieder- und Oberösterreich in Viertel eingeteilt, um die Abwehrmaßnahmen besser koordinieren zu können. Bis heute leben diese als Regionen fort.

Eine tragische Folge der Wirren war die Wiener Gesera von 1420, die gewaltsame Vertreibung der Wiener und in Folge aller österreichischer Juden. Eine explosive Mischung von diffusen Anschuldigungen und religiös motiviertem Hass verbunden mit dem Vorwurf, die Juden würden die Hussiten unterstützen, wurde von Albrecht genutzt, um sich der Schulden, die er bei der Wiener Judenschaft hatte, zu entledigen. Am 23. Mai 1420 gab er den Befehl, alle jüdischen Gemeinden in Österreich aufzulösen, die Juden gefangen zunehmen und ihr Vermögen einziehen. In Wien eskalierte die Situation. Massenhinrichtungen, Zwangstaufen und Plünderungen vernichteten die seit dem Hochmittelalter in Wien ansässige jüdische Gemeinde.  

Martin Mutschlechner