AEIOU

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Die geheimnisvolle Formel AEIOU ist ein Rätsel, das Generationen von Historiker beschäftigt hat. Leider hat uns deren Schöpfer, Kaiser Friedrich III. nicht verraten, was genau er damit gemeint hat ...

Pei belhem pau oder auff welhem Silbergeschir oder kircngebant oder andern klainaten aeiou der strich und die funff puestaben, stend, das ist mein, herczog Friedreis des Jungern, gebessen oder ich hab das selbig paun oder machen lassen

In modernem Deutsch: Bei welchem Bau oder auf welchem Silbergeschirr oder Kirchengewand oder anderen Kleinodien die Devise AEIOU, bestehend aus dem Strich und den fünf Buchstaben, steht, das ist mein, Herzog Friedrichs des Jüngeren, Eigentum gewesen oder dieses habe ich selbst erbauen oder machen lassen. Zitiert nach Lhotsky, Alphons: AEIOU. Die "Devise" Kaiser Friedrichs III. und sein Notizbuch. In: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 60 (1952) 155-193, hier S. 166

Die berühmte Vokalreihe findet sich auf einer Vielzahl von Kunstobjekten, Büchern, Bauwerken etc., die auf Friedrich III. zurückgehen. Dieser Habsburger hat mit dieser Buchstabenfolge teilweise sogar eigenhändig ihm wichtige Dinge markiert. Er folgte damit einer Mode des Spätmittelalters, als sich Geheimschriften und magische Abwehrzauber großer Beliebtheit erfreuten.

Friedrichs Marotte, sein Besitzzeichen überall anzubringen, war allgemein bekannt, doch bereits seine Zeitgenossen wussten nicht, was es bedeutete. Im Laufe der Geschichte kamen mehr als 300 Auslegungen auf, die von staatstragendem Ernst bis zu verächtlicher Häme, von gelehrten humanistischen Anspielungen bis zu okkulten Deutungen reichen.

Von habsburgischer Seite wurde Friedrichs persönliches Zeichen als mystisches Symbol dynastischen Sendungsbewusstseins gedeutet. Beim ersten nachweisbaren Auftreten der Devise 1437 war Friedrich jedoch nur Herzog der Steiermark gewesen, sein späterer Aufstieg zum Oberhaupt des Hauses Habsburg und Kaiser des Reiches war damals noch nicht absehbar.

Die Annahme, dass mit Friedrichs Devise der Anspruch auf Weltherrschaft ausgedrückt werden sollte, geht auf das 17. Jahrhundert zurück, als die Habsburger, nun wirklich zur Großmacht aufgestiegen, in barocker Symbolik schwelgten. Im Jahre 1666 wurde nämlich das verschollen geglaubte Notizbuch Friedrichs III. aufgefunden, und der regierende Kaiser Leopold I. war sehr offen für allegorische Anspielungen.

In diesem Notizbuch ist in Friedrichs eigenhändiger Schrift zu lesen, das alle sich in seinem Besitz befindlichen Kunstobjekte oder liturgischen Gegenstände und die von ihm initiierten Bauvorhaben mit der Vokalreihe (samt einer einrahmenden Schlinge) markiert werden sollten.

Ebenfalls in diesem Notizbuch findet sich auch eine Eintragung (jedoch von anderer Hand), wonach die Deutung der Devise „Alles Erdreich ist Österreich untertan“ bzw. die lateinische Version: „Austriae est imperare orbi universo“ lauten würde.

Man glaubte also, die authentische Auslegung gefunden zu haben.

So einfach ist es jedoch nicht: Im selben Buch findet sich noch eine weitere Deutung, ein Distichon, in dessen erster Strophe die Anlaute der Worte ebenfalls die Vokalreihe ergeben: „En, amor electis, iniustis ordinor ultor; Sic Fridericus ego mea iura rego“, was in freier deutscher Übersetzung soviel bedeutet wie: „Seht, ich bin geliebt von den erwählten, ich bin gefürchtet von den ungerechten; also regiere ich, Friedrich, rechtmäßig.“

Der heutige Konsens unter Historikern lautet, dass Friedrich selbst mehrere Deutungen seiner mystischen Devise zugelassen hätte, ohne sich eindeutig festzulegen. Eine Spielerei sozusagen, die die Fantasie der Menschen umso mehr angeregt hat.

Martin Mutschlechner