Auf der Suche nach 'blauem Blut' – Habsburgs fiktive Ahnen

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Die Habsburger als direkte Nachfahren Caesars und Karls des Großen? Durch sagenhafte Stammbäume sollten nachgewiesen werden, dass den Habsburgern die Rechtmäßigkeit des Anspruchs auf Herrschaft in Wiege gelegt worden sei.

Im Wettstreit mit anderen Dynastien um die Kaiserwürde begannen die Habsburger im Spätmittelalter sich verstärkt für die Geschichte ihres Hauses zu interessieren. In einer Zeit vor der Einführung wissenschaftlicher Kriterien in der Geschichtsforschung wurden dabei reale Quellen mit Legenden verwoben und fantastische Abstammungslinien konstruiert.

Die Anhäufung von erinnerungswerten Ahnen war im Denken der Zeit tief verankert: Je mehr Verbindungen zu ehrwürdigen Herrschergeschlechtern aus biblischer Urzeit, Antike und Frühmittelalter angeführt werden konnten, über desto mehr königliches Blut und monarchisches Charisma verfügte eine Dynastie.

Je nach politischer Situation wurden Ahnen über komplizierte Verwandtschaftslinien usurpiert: Der habsburgischer Anspruch auf das Römisches Kaisertum wurde durch eine im Zeitgeist des Humanismus propagierte Abstammung von Heldengestalten der Antike unterstützt: Die Liste der habsburgischen ‚Vorfahren‘ liest sich wie ein ‚Who is Who‘ der Antike und führt von Julius Caesar bis nach Troja. Und von dort war es über die alttestamentarischen Propheten dann nicht mehr weit zu Adam und Eva.

Dem Anspruch auf die Führungsrolle im Reich waren die konstruierte Abstammung von den Karolingern und Merowingern sowie die Betonung der im Gegensatz dazu durchaus wahrscheinlichen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Staufern dienlich. Dies war vor allem wichtig als Antwort auf die antihabsburgische Propaganda vom „armen Grafen“, als der Rudolf I., der erste Habsburger auf dem Reichsthron, verhöhnt wurde.

Eine der fantastischsten Ahnenreihen der Habsburger ist die „Chronik der 95 Herrschaften“ des sogenannten Leopold von Wien (auch als Leopold Stainreuter bekannt) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts, die damals weite Verbreitung fand. Auf sie bezog sich auch die von Friedrich III. in Auftrag gegebene Wappenwand an der St.Georgskirche der Wiener Neustädter Burg. Diese im Jahre 1453 entstandene Wappenwand zeigt 107 Wappen, die zum Großteil Fantasiewappen fiktiver österreichischer Herrscher darstellen, die eine ununterbrochene Herrscherreihe beginnend mit Noah suggerieren sollten. Friedrich III. selbst ließ sich im Mittelfeld als Herrscher der österreichischen Länder darstellen.

Seine bedeutendste künstlerische Ausprägung erhielt der habsburgische Ahnenkult durch Kaiser Maximilian I., der besonderes Augenmerk auf die propagandistische Verbreitung seiner erlauchten Herkunft legte. Sein monumentales Grabdenkmal in Innsbruck war als triumphaler Trauerzug tatsächlicher wie fiktiver Ahnen gedacht.

Martin Mutschlechner