"Meine ganze Libido gilt Österreich-Ungarn"

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Der Psychoanalytiker Sigmund Freud zeigte sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges als bekennender Anhänger der Habsburgermonarchie.

Als Begründer der Psychoanalyse drang der Arzt Sigmund Freud (1856 bis 1939) erstmals mit seiner neuen Form der Therapie in das Unbewusste der Menschen vor. Auf der Grundlage der Erfahrungen, die er mit der Methode des assoziativen Sprechens gesammelt hatte, entwickelte er die Theorie der Libido. Die sexuelle Triebhaftigkeit konnte nach seiner Ansicht sublimiert und gelenkt werden, was zur Entstehung der menschlichen Kultur führte. Sein Ansatz rief zeitlebens vor allem in Wien Kritik hervor, da sich seine Theorie gegen Ansätze der traditionellen Medizin und der messbaren Naturwissenschaften wie auch gegen die gängige Geschichtsauffassung richtete. Als willkürlich und nicht beweisbar und von hemmungslosen Phantasien geleitet wurden Freuds Ideen denunziert. Hinter diesen Begründungen stand oftmals auch antisemitischer Hass auf den Juden Freud.

Trotz seiner Liebe zum Vielvölkerstaat pflegte Freud ein zwiespältiges Verhältnis zum habsburgischen Herrscherhaus. Denn dem Kaiserhaus selbst verdankte er die Verzögerung der Ernennung zum außerordentlichen Professor. Spöttisch äußerte sich Freud hierzu im folgenden Brief.

„Die Wiener Zeitung hat die Ernennung [gemeint ist die Ernennung zum außerordentlichen Professor] noch nicht gebracht, aber die Nachricht, daß sie bevorstehe, hat sich von der amtlichen Stelle rasch verbreitet. Die Teilnahme der Bevölkerung ist sehr groß. Es regnet auch jetzt schon Glückwünsche (…), als sei die Rolle der Sexualität plötzlich von Sr. Majestät amtlich anerkannt, die Bedeutung des Traumes vom Ministerrat bestätigt und die Notwendigkeit einer psychoanalytischen Therapie der Hysterie mit 2/3 Majorität im Parlament durchgedrungen.“

Auch wenn ihm im offiziellen Wien bis zu seinem Tod wenig Anerkennung zuteil wurde, Freud und seine Theorie überlebten die Monarchie. Der Psychoanalytiker verstarb 1939 in London, nachdem er ein Jahr zuvor dorthin emigriert war, um vor dem nationalsozialistischen Regime zu entfliehen.

Die berühmte ‚Couch‘, die er für seine Sitzungen mit den PatientInnen einführte, ist heute ein nicht wegzudenkender Bestandteil der psychoanalytischen Behandlung.

Anita Winkler