Ich will mehr! Leserevolution im 18. Jahrhundert

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Mehr Menschen als je zuvor konnten lesen und taten es auch. Anstelle des intensiven mehrmaligen Lesens weniger Bücher trat ein extensives Leseverhalten, bei dem viele Bücher nur einmal verschlungen wurden.

Dabey dann zu mehrerer Annehmlichkeit und Satisfaction deß geneigten begierigen Lesers […] jederzeit ein kurtzer Bericht und Extract, als ein Kern derer hin und wider in der Welt merckwürdigsten, wahrhafftigsten, und allerneuesten, so schrifftlich als gedruckter allhier einlauffenden Begebenheiten, ohne einigen Oratorischen und Poetischen Schminck, auch Vorurtheil, sondern der blossen Wahrheit derer einkommenden Berichten gemäß […] vorgestellt werden.

In der ersten Nummer der Zeitung „Wiennerisches Diarium“ wird der Zweck des Blattes definiert.

Bis ins 17. Jahrhundert lasen die Menschen wenige Texte wie die Bibel oder Erbauungsbücher, diese dafür immer wieder. Bürgerliche Intellektuelle tradierten eine neue, extensive Form des Lesens, die insbesondere durch die Zeitungen gefördert wurde. Für dieses Milieu stellte Bildung ein erstrebenswertes Gut dar, sie hatten Geld für Bücher und Zeit für Lektüre. Im 18. Jahrhundert wurden kleine ungebundene Bücher auch für die unteren sozialen Schichten erschwinglich.

Gegen Ende des Jahrhunderts setzte ein gravierender Wandel im Buchwesen und beim gehobenen Publikum ein. Lesemoden wie das Lesen in freier Natur oder das „Werther-Fieber“ (nach Johann Wolfgang von Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ von 1774) erfassten Wien. Insbesondere Frauen änderten ihre Lesegewohnheiten: Durch moralische Wochenschriften und Almanache erhielten sie Zugang zu Literatur und bildeten eine rege Briefkultur aus. Neue Entwicklungen wie ein kleineres Buchformat oder moderne Lesemöbel erleichterten das Lesen.

Der Anteil an religiöser, juristischer und medizinischer Fachliteratur ging zurück. Stattdessen stiegen Publikationen in den Bereichen Philosophie, Pädagogik, Natur- und Handelswissenschaften an, bedingt durch das Interesse von Handel und Gewerbe sowie die Auffächerung der wissenschaftlichen Disziplinen und Einrichtungen und ihre Buchproduktion.

Romane waren die Lieblingslektüre des späten 18. Jahrhunderts. Das neue Lesepublikum bestand zum überwiegenden Teil aus Angehörigen des Besitz- und Bildungsbürgertums, doch auch Handwerkern. Der Lesehunger wurde vor allem von Leihbibliotheken gestillt. Das Cabinet littéraire de Vienne von Thomas von Trattner verfügte über 2.000 französische Bücher. Von 1799 bis 1811 waren allerdings alle Leihbüchereien in Österreich verboten. In Kaffeehäusern, teils sogar in Bierschänken aber lagen Broschüren und Zeitungen leicht zugänglich auf.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts bildete sich in der Habsburgermonarchie eine eigenständige Literatur heraus, wenn auch isoliert von der Literatur des restlichen deutschen Sprachraums. Die Lesefähigkeit in der Habsburgermonarchie wies ein Stadt-Land- sowie ein West-Ost-Gefälle auf. In den Erbländern und in Böhmen konnten viele Menschen lesen und schreiben, in Ungarn war der Prozentsatz bedeutend geringer.

Julia Teresa Friehs