Der "Türcke" vor Wien: Episode 2

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Letzter Großangriff der Osmanen: 1683 belagerte zum zweiten Mal ein türkisches Heer die Stadt Wien. Doch ab nun gingen die Habsburger in die Offensive.

Derjenige, welcher uns schützen müßte, denkt nicht an uns, ja will von der Gefahr nicht einmal hören noch an diese glauben und freut sich vielleicht gar darüber.

Der Oberste Landesrichter Franz Nádasdy kritisiert 1659 in einem gerichtlichen Schreiben die defensive Türkenpolitik Leopolds I.

Wie schwarzes Pech, das alles vernichtet, fluten sie herab – mit dem niederträchtigen Vorsatz die muselmanischen Gazi (= muslimische Krieger) einzukreisen.

Der Zeremonienmeister der Osmanen beschreibt den Angriff des habsburgischen Entsatzheeres am 12. September 1683 in seinem Kriegstagebuch

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts waren die Habsburger gegenüber dem Osmanischen Reich in der Defensive. 1663 eskalierte ein Konflikt in Siebenbürgen: Erstmals seit Anfang des Jahrhunderts kam es wieder zu einem großen Türkenkrieg. Am 1. August 1664 gelang dem kaiserlichen Feldherrn Raimund Montecuccoli in der Schlacht bei Mogersdorf (heute im Burgenland) erstmals ein habsburgischer Sieg gegen ein osmanisches Heer unter einem Großwesir. Doch Kaiser Leopold I. stand gleichzeitig im Konflikt mit Frankreich und schloss deswegen einen schnellen Frieden, den die ungarischen und kroatischen Adeligen als „Schandfrieden“ bezeichneten. Sie fühlten sich im Stich gelassen und antworteten mit einer „Magnatenverschwörung“ gegen den Kaiser. Die Rebellion misslang, mehrere Anführer wurden hingerichtet.

Unter Großwesir Kara Mustafa griffen die Osmanen einige Jahre später erneut an und drangen 1683 bis nach Wien vor. Die habsburgische Haupt- und Residenzstadt wurde nach 1529 zum zweiten Mal belagert. Bis zu 200.000 Mann lagen im Sommer 1683 vor der Stadt. Kaiser Leopold I. und viele StadtbewohnerInnen waren schon im Juli geflüchtet. Stadtkommandant Ernst Rüdiger Graf Starhemberg verteidigte mit 11.000 Soldaten die Befestigungsanlagen. Die osmanischen Angriffe und Seuchen, die in der Stadt grassierten, machten die Situation für die Belagerten bis zum September immer brenzliger, die Erstürmung Wiens schien unmittelbar bevorzustehen. Doch dann rückte Hilfe an: Im Tullnerfeld im Westen Wiens näherte sich das kaiserliche Entsatzheer, das zur Befreiung Wiens aufgestellt worden war und aus den Truppen des Polenkönigs Jan III. Sobieski sowie weiteren Hilfseinheiten aus dem Heiligen Römischen Reich unter Herzog Karl V. von Lothringen bestand. Das 70.000 Mann starke Entsatzheer unter dem Oberbefehl Jan Sobieskis griff am 12. September vom Kahlenberg im Norden der Stadt an. Das osmanische Heer wurde vernichtend geschlagen, Großwesir Kara Mustafa flüchtete.

Der Erfolg der kaiserlichen Armee in der Zweiten Türkenbelagerung Wiens war der Wendepunkt in den habsburgisch-türkischen Auseinandersetzungen: Im Frühjahr 1684 wurde mit der „Heiligen Liga“ eine Allianz zwischen Papst Innozenz XI., Kaiser Leopold I., Polen und Venedig geschlossen. Auch Russland trat später dem Bündnis bei. Nun startete eine habsburgische Offensive, in der schrittweise ganz Ungarn erobert wurde.

Stephan Gruber