Vermählungsanzeige anlässlich der Hochzeit von Franz Joseph und Elisabeth, 1854

Aufgabe 3

Warum wird Deiner Meinung nach der Sis(s)i-Stoff nach wie vor sehr häufig diskutiert, warum konnte dieser Mythos überhaupt entstehen?

Der Sisi-Plot ist eine perfekte Melange aus massentauglichen Zutaten. Da ist, ad eins, die Komponente Lottogewinn. Wir fiebern mit dem Mädchen, das erst am Hofe zur Frau wird, mit, weil es das große Los gezogen hat. Sisi war eigentlich gar nicht auserkoren, Kaiserin zu werden. Ihre Schwester wurde auf ein Leben an der Spitze Österreichs getrimmt. Und dann erwählt Monarch Franz Joseph plötzlich die eigentlich nur als Begleiterin mitgereiste, jugendlich-unbekümmerte Sisi. Zugegeben, sie stammt nicht aus dem einfachen Volk. Aber Kaiserin zu werden – das ist auch für die Nachfahrin einer herzoglichen Nebenlinie des Hauses Wittelsbach ein sagenhaft-unerwarteter Aufstieg. So wird für sie der Traum von Millionen Menschen Wirklichkeit – und die schauen ihrer Heldin entsprechend gebannt zu.

Sie verfolgen das Geschehen umso aufmerksamer, weil der Traum, das ist die zweite Zutat des Erfolgsstoffs, einiges von einem Albtraum hat. Sisi bekommt rasch zu spüren, dass eine Kaiserin vor allem das sein soll: Kaiserin. Und nicht etwa ein Mensch mit ganz normalen menschlichen Bedürfnissen. Oder gar eine Frau. Sisi darf nicht baden, wenn ihr danach zumute ist (sondern nur montags). Sie darf ihren Mann nicht einfach küssen, wenn es sie danach verlangt. Sie muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie ein Mädchen auf die Welt bringt und keinen Thronfolger. Und sie muss mit ansehen, wie ihr die eigenen Kinder weggenommen werden, kaum dass sie geboren sind. Weil sich eine Kaiserin nicht mit Stillen oder Erziehen abgeben darf. Punkt.

Wenn wir sehen, wie grausam das Leben zu Sisi ist, empfinden wir, und auch das gehört zum Sisi-Prinzip, beides: Mitleid und Trost. Mitleid, weil wir das unschuldige und höchst sympathische Geschöpf natürlich bedauern. Und Trost wegen der darin enthaltenen Botschaft, die wir gewöhnlichen Erdlinge gerne hören: Uns, dem normalen Volk, geht es gar nicht so schlecht. Kaiser und Kaiserin führen zwar ein Leben in Gold. Aber das Gold hat die Form eines Käfigs.

Daraus auszubrechen, gelingt Sisi oft nicht, manchmal aber schon. Etwa wenn sie Franz erfolgreich überredet, die Hochzeitsnacht im Freien zu verbringen, um sich unter den Sternen zu lieben. Und nicht im kaiserlichen Schlafgemach, vor dessen Tür traditionell die Mütter des Brautpaars lauschen. Ihre Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie, ist die unbarmherzige Hüterin des Protokolls am Hofe. Für sie ist die so unangepasste Sisi eine Provokation. Das Kräftemessen dieser beiden starken Frauen, bei der die eine wegen ihrer Jugend klar im Nachteil ist, ist einer der Haupt-Handlungsstränge des Films.

Schließlich, und das ist der finale Grund für die große Popularität, umfängt den Stoff der Schauer des Wahrhaftigen. Sisi hat wirklich gelebt. Ihr sind wirklich Kinder umgekommen. Auch sie selbst hat der Tod vorzeitig ereilt. Das wäre schon tragisch, wenn es gut erdacht wäre. Aber umso mehr ist das der Fall, weil dahinter eine authentische Geschichte steht.

http://www.focus.de/kultur/kino_tv/focus-fernsehclub/sisi-das-faszinierende-sisi-prinzip_aid_462364.html