Wilhelm und seine Brüder

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Wilhelm stand zeitlebens in einer erbitterten Konkurrenz mit seinen drei jüngeren Brüdern. Der Erbschaftsstreit eskalierte und schwächte die Position der Dynastie nachhaltig. Herzog Wilhelm spielte in all dem eine undurchschaubare Rolle.

Mit 16 Jahren verlor Wilhelm seinen Vater, der in der Schlacht von Sempach gefallen war. Nun Oberhaupt der Leopoldinischen Linie, erkannte er aber gemäß der habsburgischen Hausordnung die Autorität seines Onkels Albrecht III., des Hauptes der Albertinischen Linie, als Senior der Dynastie an. 

1395 starb Albrecht, und somit war Wilhelm mit nur 25 Jahren der Senior und Chef des Gesamthauses. Als solcher geriet er in einen Konflikt mit dem Sohn seines Onkels, Albrecht IV., der, obwohl erst 18 Jahre alt, die Position Wilhelms anfocht und ihm keine Rechte über den albertinischen Herrschaftsbereich zugestehen wollte. Ein Kompromiss wurde in der Einigung von Hollenburg erzielt, wonach nun beide Brüder Mitregenten des jeweils anderen sein sollten. Die Linienteilung des Hauses war damit vorübergehend aufgehoben.

Wilhelm hatte außerdem mit den Forderungen seiner jüngeren Brüdern zu kämpfen: Sein nächstältester Bruder Leopold IV. bedingte sich die Regentschaft in Tirol und in den Vorlanden aus, wobei die Situation durch das Weiterbestehen von Rechten Wilhelms auf diese Territorien verkompliziert wurde. Beide Brüder verpflichteten sich, für den Unterhalt der jüngeren Brüder Ernst und Friedrich aufzukommen. Diese forderten jedoch mit zunehmender Vehemenz ebenfalls einen Anteil am väterlichen Erbe. 1402 wurde Ernst die Mitregentschaft in den Gebieten Wilhelms (Steiermark, Kärnten und Krain), Friedrich diese in den Gebieten Leopolds (Tirol und Vorlande) eingeräumt.

Die daraus resultierende Zersplitterung der Herrschaftsrechte, verstärkt durch unklare Kompetenzverteilungen und brüderliche Rivalitäten, schwächten die landesfürstliche Macht. Nutznießer der innerhabsburgischen Teilungen waren die Landstände der einzelnen Territorien, die sich zu einem bedeutenden Machtfaktor entwickeln konnten.

Unvorteilhaft machten sich die innerfamiliären Spannungen auch in der schwindenden Position der Dynastie in der europäischen Mächteverteilung bemerkbar, da die Brüder unkoordiniert Bündnisse mit in Streit befindlichen Parteien eingingen.

Wilhelm spielte eine nebulose Rolle bei der Affäre um den umstrittenen König Wenzel IV. von Böhmen, der bis zu seiner Absetzung 1400 auch die römisch-deutsche Königswürde innehatte. Die habsburgischen Brüder Wilhelm und Ernst sowie ihr Cousin Albrecht nahmen im Konflikt zwischen König Wenzel und seinem jüngeren Bruder König Siegmund von Ungarn für Letzteren Partei. Als es Siegmund gelang, seinen Bruder abzusetzen und gefangen zu nehmen, vertraute er den hohen Gefangenen seinen österreichischen Verbündeten an.

Wenzel gelang die Flucht aus Wien, wo er festgehalten wurde, wobei Wilhelm auf die  Bewachung Wenzels zu wenig Obsorge gelegt bzw. dem abgesetzten König eventuell sogar Fluchthilfe geleistet hatte. Siegmund zweifelte jedenfalls die Loyalität seines habsburgischen Verbündeten an. Die wachsende Gegnerschaft zu Siegmund wurde auch durch Wilhelms Heiratspläne mit Johanna von Neapel-Anjou verstärkt, deren Bruder sich als Konkurrent zu Siegmund als ungarischer Thronprätendent positioniert hatte.

Nach dem Tod von Cousin Albrecht IV. wechselte Wilhelm gemeinsam mit seinem Bruder Ernst endgültig die Seiten im luxemburgischen Bruderstreit und unterstützte Wenzel gegen Siegmund. Nun zerbrach auch der letzte Rest des innerhabsburgischen Zusammenhalts, denn der mittlere der Brüder, Leopold IV., hielt weiterhin zu Siegmund. Die Folge war ein zermürbender Kleinkrieg an den Grenzen zu Ungarn und Böhmen, der zu großflächigen Verwüstungen führte.

Ein plötzlicher Tod ließ Wilhelm mit 36 Jahren von der Bühne der Geschehnisse verschwinden. Der Leichnam wurde in der Herzogsgruft der Wiener Stephanskirche bestattet. 

Martin Mutschlechner