Von Angesicht zu Angesicht – Franz Joseph bittet zur Audienz

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Einmal vom Kaiser höchstpersönlich zu einer Audienz empfangen zu werden! Wer annimmt, dieses Privileg war dem höchsten Adel vorbehalten, täuscht sich. Jeder Bürger der Monarchie hatte die Möglichkeit, im Rahmen der zweimal wöchentlich stattfindenden Generalaudienzen dem Kaiser seine Aufwartung zu machen.

Der Audienznehmer meldete seine Bitte um eine kaiserliche Audienz bei Hof an und bekam einen festen Termin für seine Vorsprache zugewiesen. Danksagungen, Ansuchen oder Bittstellungen der Bürger wurden bereits im Vorfeld den zuständigen Ministerien zur Bearbeitung und dem Kaiser selbst zur Begutachtung vorgelegt, sodass die Audienz selbst wenig Neues brachte. Sie diente vor allem der Demonstration der Volksnähe des Kaisers und wurden in der Wiener Zeitung angekündigt.

Jene BürgerInnen, die zur Audienz erschienen, hatten sich pünktlich – die Audienzen begannen um zehn Uhr – in den Warteräumen einzufinden und die Kleiderordnung einzuhalten: Militärs trugen Uniformen, Herren Frack, Damen geschlossene Kleider, Handschuhe waren verpflichtend. Bürger aus den ländlichen Gebieten erschienen in der jeweiligen Landestracht, deren bunte Vielfalt die Größe und Unterschiedlichkeit der Kronländer widerspiegelte. Bevor ein Audienznehmer zum Kaiser vorgelassen wurde, wurde er von einem Mitarbeiter des Obersthofmeisteramtes mit den Grundregeln der Audienz vertraut gemacht: den Kaiser nie von sich aus ansprechen und ihm nicht den Rücken zuwenden! Nachdem der Audienznehmer namentlich aufgerufen worden war, betrat er den Vorraum, wo ein Adjutant neuerlich den Namen mit seiner Liste verglich und dieser schließlich von einem Kammeransager laut verlesen wurde, um dem Kaiser den Gast anzukündigen. Sofort nach Eintreten erfolgte ein tiefer Knicks der Damen bzw. eine Verbeugung der Herren, wovon man sich erst nach Aufforderung durch den Kaiser erhob. Der Kaiser selbst nannte dem Besucher – seiner Liste folgend – dessen Anliegen und die Antwort darauf, die im Audienzbuch ja bereits vorlag. So dauerte der Empfang durch den Kaiser in der Regel kaum drei Minuten, was dem Kaiser erlaubte, bis zu hundert Personen an einem Vormittag zu empfangen. Erst im hohen Alter reduzierte Franz Joseph diese Anzahl um die Hälfte.

Unabhängig davon fanden individuelle Audienzen mit Ministern, Abgeordneten oder Statthaltern statt. Diese wurden vom Kaiser persönlich eingeladen; sie berichten übereinstimmend von den Gesprächen, dass sich dieser nur kurz vortragen ließ und ihnen dann sehr gezielte Fragen stellte. Die Politiker waren somit gut beraten, sich auf ihren Vortrag intensiv vorzubereiten, denn der Kaiser wünschte oft detailliertere Informationen und befragte mehrere Regierungsmitglieder zu dem gleichen Thema, um sich ein genaueres Bild zu verschaffen.

Sonja Schmöckel