Ringstraßenpalais

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Das Projekt der Ringstraße stellte nicht nur ein Symbol kaiserlicher Macht dar, sondern bot auch eine Bühne für die Selbstdarstellung des erstarkten liberalen Großbürgertums der Monarchie.

Die Ringstraße wurde zur Adresse der ‚zweiten Gesellschaft‘: Hier siedelten sich unter anderem vom alten Adel belächelte Parvenus an, nachträglich geadelte, teils jüdische Aufsteiger der Monarchie: Fabrikanten, Großkaufleute und Bankiers. Ihre Palais und Mietshäuser lagen nun in der Nähe des Hofes und des Hochadels – eine Nachbarschaft, welche das Großbürgertum ‚auf Augenhöhe‘ mit dem alten Adel brachte. Die ‚erste Gesellschaft‘, die (Hoch-)Aristokratie, war sich oft zu fein für den Ring, und nur zwei der Wohnpalais entlang der Ringstraße waren im Besitz von Mitgliedern des Kaiserhauses. Für sie diente er der Zurschaustellung des schnellen Geldes, eines Reichtums, der oft ebenso rasch wieder verloren ging, wie er gewonnen wurde.

Das Repräsentationsbedürfnis der neuen gesellschaftlichen und politischen Elite fand auch an der Gebäudefassade seinen Niederschlag: Die Beletage, die Wohnebene der Bauherren, wurde besonders hervorgehoben. Während adelige Familien mit ihrer Dienerschaft den gesamten Bau bewohnten, wurden Teile der Zinshäuser und -palais vermietet. Mittels eines Tricks umging man die Beschränkung der Bauhöhe auf vier Geschoße – zwischen Erdgeschoß und erstem Stock wurde das Mezzanin eingezogen. Getrennte Stiegen unterstrichen die soziale Differenzierung zwischen Bauherr und Dienerschaft.

Viele Palais führten renommierte Salons, in denen Kunstwelt und Finanzaristokratie aufeinandertrafen. Die begehrtesten Soireen veranstaltete die Familie Todesco in ihrem Palais in der Kärntner Straße: Johann Strauß traf in diesem Salon seine spätere Frau, die Opernsängerin Henriette Treffz, die zu diesem Zeitpunkt noch mit einem der Todescos liiert war. Ihre großzügige Abfindung ermöglichte Strauß die ungestörte Arbeit an seine Operette „Die Fledermaus“, die zu einem Welterfolg wurde.

Auch das Palais Leitenberger am Parkring bildete ein gesellschaftliches Zentrum Wiens. Der Textilindustrielle Friedrich Leitenberger war einer der großen Kunstmäzene seiner Zeit. Hier verkehrte Kronprinz Rudolf, der die Gesellschaft der liberal denkenden Gäste und politisch fortschrittlichen Kreise genoss. Rudolf suchte Leitenbergers finanzielle Unterstützung für das „Wiener Tagblatt“, in dem er anonym Artikel veröffentlichte.

Julia Teresa Friehs