1605–1665

Philipp IV.: Spaniens später Glanz oder langsamer Niedergang?

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Philipp IV. war ein Langzeitherrscher. Seine 44 Regierungsjahre sind von Widersprüchlichkeiten geprägt.

Philipps Persönlichkeit wird oft als Spiegelbild des Niederganges der spanischen Großmacht dargestellt. Unter seiner Herrschaft sei der spanische Hof von Vergnügungssucht, ausufernder Günstlingswirtschaft und um sich greifender Korruption geprägt gewesen.

Andererseits meinen manche Biographen in diesem Habsburger einen persönlich integren, wohlmeinenden und intelligenten Monarchen erkennen zu können, der besser für das Königsamt geeignet war als seinen Vater. Dass Spanien zumindest die Fassade einer Großmacht aufrechterhalten konnte und der Abstieg sich verlangsamt hätte, sei ihm zu verdanken gewesen.

Als König setzte Philipp IV. verzweifelte – und meist vergebliche – Versuche, die Autorität Spaniens in Europa zu wahren. Nach einer langen Friedenszeit von zwölf Jahren, die aus der beiderseitigen Erschöpfung der Gegner resultierte, kam es zu einem Wiederaufflackern der Kämpfe in den Niederlanden. Die nördlichen Provinzen, seit 1581 als Generalstaaten de facto unabhängig, wurden neuerlich attackiert. Die Niederländer hatten die Friedenszeit jedoch besser zur Erholung ihrer Kräfte genutzt als der Koloss Spanien. Als Ergebnis dieses letzten gescheiterten Versuchs Spaniens, die nördlichen Niederlande zu bezwingen, musste Philipp IV. im Westfälischen Frieden 1648 deren Unabhängigkeit endgültig anerkennen.

Das Verhältnis zu England, dem wichtigsten Konkurrenten Spaniens als Seemacht, entwickelte sich zunächst positiv. Geplant war eine Annäherung durch eine Heirat der Schwester Philipps, Infantin Maria Anna, mit dem englischen Thronfolger Charles. Undurchsichtige Intrigen und schließlich die Weigerung Philipps, eine spanische Infantin einem Protestanten zur Frau zu geben, brüskierten den englischen Hof. Nach der Thronbesteigung verfolgte Charles I. eine betont antispanische Politik, die auch nach dessen Hinrichtung von Cromwell weitergeführt wurde. Das Ziel war ein Kleinkrieg mit der spanischen Marine, der sich in der Bedrohung von Seehäfen und der systematischen Kaperung der spanischen Silberlieferungen erschöpfte.

Der größte Gegner erwuchs Spanien jedoch in Frankreich, das 1635 in den Dreißigjährigen Krieg eintrat. Der Grund dafür waren Erfolge der von Spanien diplomatisch und finanziell unterstützten kaiserlichen Armee im Reich gegen die protestantischen Reichsfürsten. Frankreich ging eine Allianz mit Schweden, Holland und Savoyen ein und erklärte zur Entlastung der Verbündeten im Reich Spanien den Krieg. Die Habsburger waren somit in einem Zweifrontenkrieg gefangen, und die anfänglichen Erfolge wandten sich ins Gegenteil: Die Grenzen der habsburgischen Allmachtphantasien wurden der Dynastie schmerzhaft bewusst.

Spanien schlitterte in dieser diffizilen Situation in eine Krise: Die königliche Zentralmacht hatte in etlichen Teilen des Reiches wegen der untragbar gewordenen Steuerbelastung aufgrund der explodierenden Kriegskosten in einer ohnedies wirtschaftlich schwierigen Zeit mit Aufständen zu kämpfen. Der schwerste Rückschlag für Spanien war die Abspaltung Portugals, die Philipp IV. 1640 angesichts fehlender Kräfte akzeptieren musste.

Politisch, militärisch und ökonomisch völlig erschöpft, musste Philipp 1659 den sogenannten Pyrenäenfrieden mit Frankreich schließen. Für Spanien war der Vertrag sehr nachteilig, denn er besiegelte den Verlust der europäischen Hegemonie zugunsten Frankreichs, dem außerdem territoriale Zugeständnisse gemacht werden mussten. Für den französischen König Ludwig XIV.  bedeutete dies einen Triumph.

Zur dynastischen Absicherung des Friedens wurde die älteste Tochter Philipps, Maria Teresa, mit dem Sonnenkönig vermählt. Im drohenden Aussterben der spanischen Habsburger – die Söhne, die Philipp geboren wurden, waren von schwacher Konstitution und deren Überleben zweifelhaft – begründeten sich künftige französische Ansprüche auf das spanische Erbe.

Der Friede war von kurzer Dauer: Die vorgebliche Nichteinhaltung verschiedener Vertragspunkte (u. a. die Frage der Mitgift für Maria Teresa) ließ den Krieg wieder aufflammen. Und Spanien verlor weiter an Terrain: Der Frieden von Nijmwegen 1678 brachte große Gebietsabtretungen mit sich: die Franche Comté und Teile der Spanischen Niederlande fielen an Frankreich. Die nun einsetzenden Reunionskriege führten zu weiteren Gebietsverlusten, denn in den französischen Expansionsplänen definierte Ludwig XVI. den Rhein als „natürliche Grenze Galliens“. Es begann sich abzuzeichnen, dass die österreichische Linie den Führungsanspruch im habsburgischen Familienverband übernehmen würde.

König Philipp IV. starb 1665 seelisch und körperlich erschöpft im Alter von 60 Jahren. Er hinterließ seinem erst vierjährigen Sohn Karl, dessen Entwicklung wenig Anlass zur Hoffnung gab, eine Großmacht im Zerfall.

Martin Mutschlechner