Ostarrîchi: Das babenbergische Österreich

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Das Gebiet entlang der Donau, das zum Zentrum des habsburgischen Imperiums werden sollte, war im Hochmittelalter eine umstrittene Grenzregion des Heiligen Römischen Reiches. Bevor die Habsburger Landesherren wurden, regierten hier die Babenberger.

Im Mittelalter war die „marchia orientalis“ (später oft als „Ostmark“ übersetzt) – Gebiete entlang der Donau im heutigen Niederösterreich – eine Grenzregion des Frankenreichs. Es wurden viele Grenzkonflikte mit den Mähren und Magyaren, die Anfang des 10. Jahrhunderts das Gebiet bis zur Enns eroberten, ausgetragen. 955 besiegte König Otto I. in der Schlacht am Lechfeld die Ungarn, was als Sieg der Christenheit über die Heiden bewertet wurde und die Rückeroberung des Gebietes für das Reich ermöglichte.

976 wurde die wiedererrichtete Mark einem Graf Liutpold übertragen, mit dem die Herrschaft der Babenberger, einem bayrischen Adelsgeschlecht, in diesem Raum begann. Im Jahr 996 tauchte in einer Urkunde erstmals der Name „Ostarrîchi“ für dieses Gebiet auf, auf den die Bezeichnung des heutigen Staates Österreich zurückgeht. Es kam zu reger Siedlungstätigkeit, die durch Rodungen ermöglicht wurde. Entscheidenden Einfluss auf die Landwerdung hatte Markgraf Leopold III. Spätestens in seiner Zeit wurde – offiziell erstmals 1147 – auch der Name „Austria“ für die Mark verwendet. Leopold III. wurde später von den Habsburgern verehrt; im 15. Jahrhundert wurde er heilig gesprochen. Kaiser Leopold I. machte Markgraf Leopold 1663 zum Landespatron für Österreich ob und unter der Enns – diesen Status hat er bis heute.

Die Babenberger verlegten ihre Herrschaftszentren zunehmend nach Osten: Heinrich „Jasomirgott“, Sohn Markgraf Leopolds III., machte Wien zu seinem Herrschaftsmittelpunkt. 1156 wurde Österreich mit dem „Privilegium minus“, das den Babenbergern bestimmte Vorrechte einräumte, vom Kaiser zum Herzogtum erhoben. Durch Kauf, Erbschaft und Enteignungen konnten die Babenberger das Land entlang der Donau im heutigen Ober- und Niederösterreich vergrößern. 1192 übernahmen sie auch die Herrschaft im Herzogtum Steiermark.

Friedrich II., der wegen seiner Auseinandersetzungen mit Adeligen, den Königen von Ungarn und Böhmen sowie mit dem Kaiser den Beinamen „der Streitbare“ erhalten hat, starb 1246 in einer Schlacht gegen den Ungarnkönig: Die Österreicher siegten zwar, doch mit seinem Tod erlosch das Geschlecht im Mannesstamm. Dies bedeutete das Ende der 270-jährigen babenbergischen Herrschaft im Herzogtum. Die Babenberger hatten dennoch einiges erreicht: Sie hatten ein umkämpftes Grenzland im Südosten des Reiches zu einem geschlossenen Gebiet gemacht. Davon konnten einige Jahrzehnte später die Habsburger profitieren.

Stephan Gruber