1717–1780

Maria Theresia: die Schwiegermutter Europas

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Das „Changement des Alliances“, die Annäherung der Habsburgermonarchie an Frankreich, war die diplomatische Revolution der 1750er Jahre: die verfeindeten Dynastien Bourbon und Habsburg vereinten sich, um gegen die gemeinsamen Feinde Preußen und England anzutreten.

Um das Bündnis zwischen den Dynastien zu stärken, wurden Ehen mit verschiedenen Linien der Bourbonen geschlossen, die außer in Frankreich auch in Parma, Neapel und Spanien regierten.

Es war dies ein Werk von Staatskanzler Wenzel Anton von Kaunitz (1711–1794), der zunächst Geheimverhandlungen mit Frankreich aufnahm. Damals herrschte dort König Ludwig XV. Eine wichtige Ansprechpartnerin fand Maria Theresia in dessen langjähriger Mätresse Madame de Pompadour, unter deren Einfluss der König stand. Die Verhältnisse am Versailler Hof waren der sittenstrengen Maria Theresia persönlich zwar zutiefst zuwider, sie war jedoch pragmatisch genug, darüber hinwegzusehen.

Die neue Bündnispolitik stand auf dem Prüfstein, als 1756 der Siebenjährige Krieg ausbrach, ein Konflikt zwischen den führenden Mächten Europas, der durch die Ausdehnung der Kampfhandlungen zwischen Frankreich und Großbritannien auf die überseeischen Kolonien die Ausmaße eines Weltkrieges annahm. Aus dem Blickwinkel Maria Theresias ging es um Schlesien, denn dies war der letzte Versuch, die reiche Provinz zurückzuerobern.

Als Zeichen der neuen Einigkeit zwischen Österreich und Frankreich wurde 1760, während der Siebenjährigen Krieg in Europa tobte, die Erste der bourbonisch-habsburgischen Hochzeiten gefeiert. Maria Theresias ältester Sohn und Thronfolger, Joseph vermählte sich mit Isabella von Bourbon-Parma. Die Braut entstammte einer norditalienischen Nebenlinie der französischen Königsdynastie, war jedoch mütterlicherseits eine Enkelin Ludwigs XV.

1765 folgte die zweite Heirat: Der zweitälteste Sohn Maria Theresias, Leopold, heiratete  Maria Ludovica, die Tochter des Bourbonenkönigs Karl III. von Spanien. Die Feierlichkeiten in Innsbruck waren vom plötzlichen Tod Franz Stephans überschattet.

Mit Franz Stephan fiel ein Gegner der Annäherung an Frankreich aus, denn der Gemahl Maria Theresias hegte großes Misstrauen gegen Frankreich und das aus seiner Sicht „unnatürliche“ Bündnis. Er leistete Widerstand gegen die Heiratspläne seiner Gattin für die Kinder der Dynastie und wurde dadurch zunehmend von der Politik isoliert. Nach seinem Tod 1765 hatte Kaunitz nun freie Bahn, es kam zu einer ganzen Reihe von Eheschließungen mit Bourbonen.

Erzherzogin Maria Josepha wurde als Braut für König Ferdinand von Neapel-Sizilien ausersehen. Der zukünftige Gatte galt als wenig anziehend und wurde als grob und geistig etwas zurückgeblieben beschrieben. Die Braut entzog sich ihrer Bestimmung durch ihren plötzlichen Tod durch die Pocken kurz vor der Heirat. Aus Angst, dass die wichtige Partie verloren gehen könnte, wurde als Ersatz die nächstälteste Tochter Maria Karolina angeboten. Der Bourbone akzeptierte, und so ging Maria Karoline 1768 nach Neapel.

Eine weitere bourbonische Verbindung war die Hochzeit von Erzherzogin Maria Amalie mit Ferdinand von Bourbon-Parma 1769. Die bedeutendste der Eheschließungen mit dem Haus Bourbon und zugleich die Krönung der Bestrebungen Maria Theresias, ein dynastisches Netzwerk in Europa zu etablieren, war die Hochzeit zwischen der jüngsten der Töchter, Maria Antonia, mit dem zukünftigen König von Frankreich, Ludwig XVI., im Jahre 1770. 

Martin Mutschlechner