Ladislaus Postumus: Der kindliche König

Druckversion

Der einzige männliche Nachkomme Albrechts V. kam vier Monate nach dem unerwartet frühen Tod des Vaters zur Welt. Auf diesen Umstand bezieht sich sein Beiname Postumus, „der Nachgeborene“.

Ladislaus vereinigte bereits zum Zeitpunkt seiner Geburt eine Reihe von Ansprüchen in seiner Person. Das Neugeborene war nicht nur der Erbe der österreichischen Länder der Albertinischen Linie der Habsburger, sondern auch Anwärter auf die Kronen Ungarns und Böhmens: Dies verdankte er seiner Mutter Elisabeth, der Tochter Kaiser Sigismunds, dem es gelungen war, beide Königreiche unter seine Herrschaft zu bekommen. Die energische Mutter Elisabeth war es auch, die den Erbanspruch ihres kleinen Sohnes in den luxemburgischen Königreichen bis zu ihrem Tod 1442 verteidigte, denn die Durchsetzung der Ansprüche angesichts der turbulenten Umstände bereitete einige Probleme.

In Ungarn war der Knabe im Alter von nur 12 Wochen von der Mutter zum König ausgerufen worden, nachdem sie sich auf abenteuerliche Weise in den Besitz der Stephanskrone gesetzt hatte. Die Stände favorisierten jedoch den polnischen König Wladislaw III. Jagiello, der ein starkes Königtum versprach, in einer Zeit, als der Vorstoß der Osmanen auf dem Balkan zu einer Gefahr für Ungarn zu werden drohte. Wladislaw fiel 1444 in der Schlacht von Varna im heutigen Bulgarien gegen die Türken. Nun erst wurde der mittlerweile vierjährige Ladislaus als König anerkannt. Die tatsächliche Macht lag aber in den Händen des Reichsverwesers János Hunyadi, der den kindlichen König offiziell vertrat, de facto aber die treibende Kraft für den schwindenden Einfluss Ladislaus‘ auf die ungarischen Angelegenheiten war.

Ähnlich war die Lage in Böhmen: Das Land litt an den Folgen der hussitischen Revolution. Die strittige Frage des Anspruches von Ladislaus auf die Krone sorgte für zusätzliche Komplikationen. Auch hier ging die tatsächliche Macht in die Hände eines von den Ständen ernannten Reichsverwesers, Georg von Podiebrad, über.

Nach dem Tod der Mutter wurde Herzog Friedrich V. (ab 1452 Kaiser Friedrich III.), nunmehr der Senior des Hauses Habsburg, zum Vormund von Ladislaus und damit zum Wahrer der mannigfaltigen Erbansprüche des Kindes, die aus diesem dereinst einen mächtigen Monarchen machen sollten. Friedrich sah in Ladislaus ein Werkzeug für seinen Einfluss auf die Herrschaft in Österreich. Die Ansprüche des Kindes auf Böhmen und Ungarn konnte er aber kaum verteidigen, was dem pragmatischen Habsburger bald bewusst geworden war. Ladislaus war hier nur eine Trumpfkarte im Streit mit den Nachbarn, denn die ungelöste Frage der Thronansprüche führte zu einem ständigen Kleinkrieg an den Grenzen Österreichs zu Ungarn und Böhmen.

Friedrich widersetzte sich den mehrmaligen Aufforderungen der Ständegemeinden Österreichs, Ungarns und Böhmens zur Herausgabe des Knaben, den sie als alleinigen „natürlichen Herrn“ anerkennen und in ihrer Obhut wissen wollten. Die österreichischen Stände schlossen 1451 den Mailberger Bund als oppositionelle Plattform gegen Friedrich. Diesem Adelsbund schloss sich ein Großteil des Adels an.

1452 schließlich musste Friedrich, nachdem er, eben erst von seiner römischen Krönung zum Kaiser zurückgekehrt, von einem vereinten Heer der österreichischen, böhmischen und ungarischen Stände in Wiener Neustadt belagert worden war, Ladislaus ausfolgen.

Der inzwischen 12-jährige Ladislaus wurde nun in Wien als Herrscher installiert. Auch dort hielt im Namen der Stände ein Vertreter die reale Macht in seinen Händen: Es war dies Ulrich von Eyczing, der als Hubmeister die Finanzverwaltung des Landes leitete.

Ladislaus, der bis dahin immer nur ein passives Objekt in den Plänen seiner Umgebung war, schaltete sich ab den Datum seiner Volljährigkeit aktiv in die Realpolitik ein. Er entließ Eyczing und machte Ulrich von Cilli, seinen Onkel mütterlicherseits, zu seinem ersten Ratgeber, de facto aber zum Regenten über Österreich.

Als er den Grafen von Cilli – der bereits davor aktiv in die ungarischen Verhältnisse eingegriffen hatte – auch mit der Würde eines Statthalters in Ungarn betraute, fürchtete die bislang allmächtige Familie des kürzlich verstorbenen János Hunyadi um ihren Einfluss. Ulrich von Cilli wurde 1456 in Belgrad von László, dem älteren Sohn von János, ermordert. Ladislaus ließ den Mörder anklagen und setzte seine Hinrichtung durch (1457). Zur Stärkung seiner Stellung trug dies nicht bei, sodass er Ungarn angesichts der schwindenden Unterstützung im Adel verlassen musste.

Im selben Jahr machte sich Ladislaus auf nach Prag, um dort seine Herrschaft als König anzutreten und seine ihm zugedachte Braut Magdalena, eine Tochter des französischen Königs Karl VII., zu treffen. Kurz nach seiner Ankunft verstarb er plötzlich im Alter von nur 17 Jahren. Sofort kamen Gerüchte auf, er sei von Georg von Podiebrad, der wenig Interesse an der Präsenz des Königs in seinem Machtgebiet hatte, vergiftet worden. Andere Zeitgenossen sprachen von einer Pestinfektion. Die Ursache war lange Zeit umstritten. Erst das Ergebnis einer Obduktion seiner sterblichen Überreste 1985 brachte die wahre Todesursache, Leukämie, ans Tageslicht.

Aufgrund seines frühen Todes unverheiratet und kinderlos geblieben, starb mit ihm die Albertinische Linie der Habsburger aus. Die Erwerbung der Kronen Ungarns und Böhmens für das Haus Habsburg war vorerst gescheitert. Begraben wurde der jugendliche König in der Königsgruft im Prager Veitsdom.

Martin Mutschlechner