Keine lange Trauer: Wiederverheiratung im Biedermeier

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Wenn einem Kaiser die Gattin wegstirbt, kann er mit der Wiederverheiratung nicht lange zögern – vor allem nicht als "Biedermeierkaiser" im bürgerlichen Zeitalter. Ein "Single-Kaiser" wäre schließlich wenig repräsentativ.

Kaiser Franz II./I. hatte nicht nur eine, sondern gleich vier Ehefrauen. Natürlich nicht neben-, sondern nacheinander. Es passt zum Bild des „alten Kaisers“, dass er drei seiner Ehefrauen überlebte. Schon kurz nach dem Tod der dritten Gemahlin Maria Ludovica drängte Fürst Metternich auf die Hochzeit mit der um 24 Jahre jüngeren Wittelsbacherin Karoline Auguste. Deren Jugend würde zu einer angeblichen Forderung Franz‘ II./I. passen – er soll angesichts seiner dreifachen Witwerschaft „endlich“ nach einer jüngeren Gattin verlangt haben.

Des Kaisers neue Ehefrau war die ältere Stiefschwester von Erzherzogin Sophie, der Mutter des späteren Kaisers Franz Joseph. Auch Karoline Auguste war bereits verheiratet gewesen: Mit 16 Jahren wurde sie mit der Zustimmung Napoleons mit Kronprinz Wilhelm von Württemberg vermählt – eine jener im Adel üblichen „Vernunftehen“, die der Bräutigam mit dem treffenden Satz quittiert haben soll: „Wir sind Opfer der Politik.“ Entsprechend desinteressiert war der Kronprinz an der Ehe, die er nach Napoleons Niederlage 1814 von einem evangelischen Konsistorium (einem „Kirchengericht“) annullieren ließ.

Mit Großherzog Ferdinand III. von Toskana, dem Bruder von Franz II./I., musste erst noch ein konkurrierender Bewerber um die Wittelsbacherin übertrumpft werden, bevor die Ehe 1816 geschlossen wurde. Dem biedermeierlichen Familienideal entspricht die Charakterisierung der Ehe durch Franz selbst: Er nannte seine Gemahlin sein „liebes Weib“, seine „häusliche Perle“, seinen „Engel des Hauses“. Sie wiederum soll ihren „besten Schatz“, ihr „Herzensmännchen“ innig geliebt haben und wird auch heute noch gemäß dem bürgerlichen Ideal als „ausgesprochener Familienmensch“ dargestellt.

Kompliziert wurden die Familienverhältnisse 1824: Die bayrische Prinzessin Sophie, die Stiefschwester von Karoline Auguste, heiratete Franz Karl, den Sohn des Kaisers Franz II./I. Damit waren die beiden Frauen nicht nur Stiefschwestern, sondern Karoline Auguste wurde nun auch Sophies Stiefschwiegermutter – ein Ausdruck der verschachtelten Netzwerke, die durch die ehelichen Verflechtungen zwischen europäischen Dynastien zustande kamen.

Drei seiner Ehefrauen hatte der „alte Kaiser“ Franz überlebt, ein viertes Mal gelang es ihm nicht mehr: 1826 erkrankte er schwer und litt fortan unter seiner angeschlagenen Gesundheit. Im Winter 1834/35 zog er sich eine Lungenentzündung zu, an der er schließlich starb. Seine Witwe Karoline Auguste lebte noch 38 Jahre. Sie ließ nach dem Tod ihres Gatten im gemeinsamen Schlafzimmer einen Altar am Sterbebett einrichten, an dem jährlich eine Gedenkmesse gelesen wurde.

Stephan Gruber