Johann „Parricida“: Ein Mord im Hause Habsburg

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Aufgrund einer Bluttat ist dieser Habsburger im historischen Bewusstsein verankert. Der Mord an seinem Onkel Albrecht I. beraubte die Dynastie eines tatkräftigen Oberhauptes und traf die Familie in einem empfindlichen Moment.

Johann war der einzige Sohn von Herzog Rudolf II. und Agnes, der Tochter König Ottokar II. Přemysl von Böhmen. Er konnte somit auf eine stolze Ahnenreihe zurückblicken: Sein Vater Rudolf (II.) war der jüngste Sohn des ersten Habsburgers auf dem Thron des Heiligen Römischen Reiches, König Rudolfs I. Der Vater Johanns wurde zunächst 1282 gemeinsam („zur gesamten Hand“) mit seinem älteren Bruder Albrecht mit den Herzogtümern Österreich und Steiermark belehnt. Nachdem die gemeinsame Regentschaft von den österreichischen Eliten als unüblich abgelehnt worden war, ging die Regierung 1283 auf Albrecht als Alleinherrscher über. Für Rudolf sollte eine Abfindung in Form einer anderen Herrschaft oder in Geld gefunden werden. Nach dem Tod König Rudolfs I. im Jahre 1291 war diese Frage aber immer noch ungelöst. Es gab allerdings Bemühungen Albrechts, der 1298 die Königswürde erringen konnte, die am nordwestlich Rand des Reiches liegenden Grafschaften Holland, Seeland und Friesland einzuziehen (um sie möglicherweise später seinem Bruder Rudolf zu übergeben).

Mütterlicherseits entstammte Johann dem böhmischen Königsgeschlecht der Přemysliden. Seine Mutter Agnes war eine Tochter von Ottokar II. Přemysl, dem mächtigen Gegenspieler der Habsburger um das babenbergische Erbe. Nach dessen Tod in der Schlacht auf dem Marchfeld (1278) wurde Rudolf II. mit dessen Tochter vermählt. Gleichzeitig wurde auch die jüngste Schwester Rudolfs, Guta, mit Ottokars Sohn und Nachfolger Wenzel II. verheiratet. Die Hochzeit der Kinder – die Vermählten waren zwischen sieben und neun Jahre alt – galt als Zeichen der Versöhnung der Häuser.

Johanns Vater starb 1290 unerwartet während eines Aufenthaltes bei seiner Schwester in Prag, noch vor der Geburt seines Sohnes. Dieser lebte mit seiner verwitweten Mutter zunächst in Schwaben, später in Prag. Auf die noch immer ungelöste Frage der Abfindung durch die Familie seines Vaters folgte ein weiterer Rückschlag: Nach dem Tod seines Onkels König Wenzel II. von Böhmen (1305), und der Ermordung seines Cousins König Wenzel III. (1306), wurde Johann trotz seiner mütterlichen Abkunft aus dem Königshaus bei den ausbrechenden Thronstreitigkeiten übergangen. Selbst im Haus Habsburg fand er keine Unterstützer, denn sein Onkel Albrecht, König des Heiligen Römischen Reiches, war bestrebt, seinen eigenen Sohn Rudolf III. als böhmischen König zu installieren.

Johann forderte zumindest die Herausgabe des väterlichen Anteils an den Stammlanden in Schwaben. Dies wurde von Albrecht verweigert, der eine Neuordnung der schwäbischen Besitzungen plante und eine weitere Zerstückelung verhindern wollte.  Albrecht vertröstete seinen Neffen.

Getrieben von Wut über die wiederholte Zurücksetzung und angefeuert von Rivalen des Habsburgers in Schwaben, schritt er zu einer Gewalttat. Als Albrecht bei einer Reise in seinen Stammlanden im Mai 1308 den Fluss Reuß überquerte und von seinem Gefolge getrennt wurde, lauerten ihm Johann und seine Mitverschwörer auf. Vor den Augen seiner Gemahlin und den Herren seines Gefolges wurde Albrecht von Johann mit einem Schwerthieb, der ihm den Schädel spaltete, getötet.

Johann konnte zunächst fliehen, hatte aber mächtige Gegner: Albrechts Nachfolger im Reich, Heinrich VII., ließ den Königsmörder ächten. Agnes, eine Tochter Albrechts und verwitwete Königin von Ungarn, verfolgte ihren Cousin mit unverhohlenen Rachegelüsten.

Johanns weiteres Schicksal ist ungewiss: 1312 bat er in Pisa Heinrich VII. um Gnade. Es wird angenommen, dass er in dieser norditalienischen Stadt gefangen gehalten wurde oder auch als Mönch für seine Tat büßte. Eine Inschrift auf einem unvollständig erhaltenen Grabstein in der Klosterkirche von San Niccolo in Pisa lässt die Vermutung zu, dass er kurz darauf starb.

Zur Erinnerung an diese Bluttat wurde an der Stelle am Ufer des Flusses das Kloster Königsfelden errichtet, wo für das Seelenheil des ohne priesterlichen Beistand verstorbenen Habsburgers gebetet werden sollte. 

Martin Mutschlechner