Hereinspaziert! Vergnügen im Prater

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Ballonfahrten und Haarmenschen, Kaffeehäuser und die dicke Prater-Mitzi, ein Vivarium und den Rumpfmenschen Kobelkoff – solch exklusive Attraktionen bot der Wiener Prater, bis heute eine beliebte Vergnügungsstätte der WienerInnen.

Johann Georg Stuwer veranstaltete zwischen 1773 und 1799 jährliche Feuerwerke mit mythologischen Themen, Schlachtendarstellungen („Die Belagerung Wiens“, 1783), aber auch zu aktuellen Ereignissen, welche sehr beliebt waren und bis zu 25.000 Menschen in den Wiener Prater lockten. An diesen Tagen wurde Eintritt verlangt. Solche Veranstaltungen stellen den Übergang von höfischer zu bürgerlicher Festkultur dar. Friedrich Nicolai berichtete in seiner „Reise durch Deutschland und die Schweiz“ von einem solchen Feuerwerk im Prater: „Die Erde zittert, der Wald widerhallt von betäubendem Donnergeknalle; es erscheinen Städte, Paläste, Festungen, Gärten, Tempel, Brunnen usw. alles im abwechselnden vielfärbigen Feuer, welches die Gegend herum erleuchtet.“

Friedrich Nicolai über ein Feuerwerk im Prater.

Sie sahen sich dort selber zu. Sie sahen ein getreues Abbild ihrer selbst, welches zu sprechen, zu grüßen oder zu lachen schien. Und das Publikum im Bilde applaudierte. Und das Publikum im Zuschauerraum applaudierte auch. Und die Monarchen im Bilde dankten. Und die wirklichen Monarchen dankten in der Wirklichkeit. Aber plötzlich riß ein Film, und es ward dunkel. – Bei dieser Stelle des Berichtes lief es mir kalt über den Rücken. Wie? Ging dieser Riß auch durch die Wirklichen? Und mit Entsetzen fragte ich mich: ja, wer ist denn hier der Wirkliche?

Ich bringe es nicht mehr aus dem Bewußtsein, dieses furchtbare Doppelgängertum der Repräsentation. Der auserwählte Eine, der einfach dadurch, daß es geht und spricht und grüßt, und zwar möglichst typisch geht und spricht und grüßt, den Völkern ihre Existenz zur Evidenz bringen soll – doppelt ?! […] Ist es nicht zuviel für einen Moment, zwei, nein, vier Könige? Dort oben, im Bilde, erfüllt einer seine hohe Pflicht, und unten, im Zuschauerraum, sitzt derselbe einfach als Mensch, der sich am Konterfei seiner Würde menschlich ergötzt? Oder erfüllt er dadurch wieder nur seine Pflicht? Wo beginnt, wo endet die Repräsentation?

Berthold Viertel lieferte in der Zeitschrift „März“ einen Bericht vom Besuch des deutschen Kaisers in Wien im Jahr 1910. Nach einem Empfang und dem Besuch einer Ausstellung gingen die beiden Monarchen im Prater gemeinsam ins Kino.

Seit seiner Öffnung durch Kaiser Joseph II. im Jahr 1775 stand der Prater der Öffentlichkeit zur Verfügung: Bereits im 18. Jahrhundert war er ein beliebtes Ziel für Sonntagsausflüge der bürgerlichen Schichten. Soziale Hierarchien bildeten sich auch hier in der Nutzung des Raums ab: Die Hauptallee mit drei Kaffeehäusern bildete die Flaniermeile der Reichen und Schönen, das Areal des heutigen Wurstelpraters war der Tummelplatz für alle Übrigen. Dieser lockte mit Ringelspielen, Schaukeln, Kegelbahnen, Schießbuden, Watschenmann und Kasperltheater; aufwendige und sehr beliebte Feuerwerke, ja sogar eine Ballonfahrt wurden geboten.

Im Prater fand sich Volksbildnerisches neben Absurdem: Wachsfigurenkabinett, Vivarium (ein Schau-Aquarium) und Planetarium ebenso wie „Freak-Shows“ mit Haarmenschen und dem russischstämmigen Rumpfmenschen Kobelkoff. Mit der Entwicklung von Technik und Elektrizität entstanden neue Attraktionen wie ein Eisenbahnkarussell oder die erste elektrisch betriebene Grottenbahn.

1873 fand im Prater die Wiener Weltausstellung statt – ihr war allerdings kein großer Erfolg beschieden. Die eigens dafür erbaute Rotunde, bei ihrer Errichtung der größte Kuppelbau seiner Art und beim Publikum sehr beliebt, fiel 1937 einem Brand zum Opfer.

1897 wurde das 67 Meter hohe Riesenrad anlässlich des 50-jährigen Thronjubiläums Franz Josephs errichtet – ein „technisches Wunderwerk“ und nach Arisierung, Zerstörung und Wiedererrichtung nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute die Attraktion des Wurstelpraters.

Der Prater blieb bis ins 20. Jahrhundert der Ort neuartiger Vergnügungen: Wechselnde Attraktionen wie „Venedig in Wien“ (1895), mit Nachbildungen venezianischer Paläste und Kanäle, oder ein nachgebautes Aschanti-Dorf (1896) unterhielten das Publikum. Kaiser Franz Joseph scheint diese Veranstaltungen besucht und – wie üblich – goutiert zu haben. Auch erste Begegnungen mit dem neuen Medium Film konnten hier in den frühen Wiener Kinos gemacht werden.

Julia Teresa Friehs