Habsburgs Ursprünge: Eine Schweizer Adelsfamilie

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Zur selben Zeit, als die Babenberger im Donauraum ihren Machteinfluss ausbauten, etablierte sich einige hundert Kilometer weiter westlich in der Schweiz eine Familie, die ihre Nachfolge antreten sollte: die Habsburger.

Als der Habsburger Rudolf I. 1273 zum römisch-deutschen König gewählt wurde, konnte er auf eine 300-jährige Familiengeschichte zurückblicken. Die genaue Rekonstruktion von Familienverhältnissen aus dieser Zeit ist aber aufgrund der Vermischung von Fakten und Legenden und der äußerst spärlichen Quellenlage schwierig. Genealogische Forschungen gehörten zur dynastischen Propaganda: Seit dem Mittelalter war es für Herrscher wichtig, die adelige Abstammung nachzuweisen und damit ihre Herrschaft zu legitimieren. So wurden allerlei fabelhafte Stammbäume der Habsburger konstruiert, zum Beispiel von römischen Familien über Julius Caesar und Aeneas bis zu den Trojanern. Eine andere Ableitung führte von den Karolingern und Merowingern über die Franken zu den Trojanern – und über Osiris und Jupiter sogar zu Cham und Noah. Auch eine mögliche Verwandtschaft mit den Babenbergern wurde ins Spiel gebracht.

Heute gilt Guntram „der Reiche“, Herr von Muri (im heutigen Schweizer Kanton Aargau), der im 10. Jahrhundert gelebt haben soll, als Stammvater der habsburgischen Dynastie. Guntram stammte vermutlich aus dem Elsass. Schon zu dieser Zeit hatten die Habsburger große Besitzungen am Oberrhein und im Aargau. Anfang des 11. Jahrhunderts gründeten Nachkommen Guntrams das Benediktinerstift Muri und ließen am Wülpelsberg im Juragebirge die Stammburg der Familie errichten: die „Habichtsburg“.

Von hier aus baute die Familie ihre Macht im Aargau und im Elsass aus. Die Habsburger waren zunächst allerdings nicht die mächtigsten Adeligen dieser Region. Zu ihren Konkurrenten zählten vor allem die Grafen von Lenzburg, die Herzoge von Zähringen, die Grafen von Kyburg und die Herren von Regensberg. Das Aussterben dieser Familien ermöglichte den Habsburgern, ihre Macht auszubauen. Im 13. Jahrhundert waren sie zur führenden Familie zwischen Oberrhein und Alpen geworden und verfügten über reiche Besitzungen.

Innerhalb der Familie setzte sich nun der Zweig von Graf Rudolf IV. durch, der 1273 zum römisch-deutschen König gewählt wurde. Er konnte den Familienbesitz weiter vergrößern und im Südwesten des Reiches einen geschlossenen Machtbereich etablieren. Rudolf war also keineswegs der „arme Graf“, zu dem er von der Nachwelt stilisiert wurde. In dieser Zeit, die oft als „Verfallszeit“ des Kaisertums beschrieben wurde, wurde der Graf aus dem Aargau zum ersten habsburgischen Herrscher des Heiligen Römischen Reiches.

Stephan Gruber